Sonntag, 31. August 2008

Apropos "Migrationshintergrund"...

Den deutschen Statistikschaffenden sei Lob und Dank, denn schon wieder beglückten sie das Volk mit einem schönen neuen Wortungetüm: "Migrationshintergrund". Eine Wortschöpfung wie Frankensteins Monster: Aus alten Teilen unschön zusammengeflickt, von niemandem so richtig gemocht, im Ergebnis stark abweichend von den urpsrünglichen Absichten seines Schöpfers, und wo es auftaucht, kommen verängstigte Dorfbewohner mit Fackeln und Heugabeln angerannt, um es zu verscheuchen.

Ursprünglich hatten die vielbeschäftigten Passagiere des Unglücksdampfers "Statistic", wie immer auf Kollisionskurs mit dem großen Eisberg namens "Realität", nur die Absicht, eine weitere unbeschriftete Menschenschublade mit einem hübschen Etikett zu versehen. Leider war dieses Etikett viel zu groß für das kleine Fach, so daß es bald auch benachbarte Schubläden verkleisterte und mittlerweile auf alles mögliche draufgepappt wird, was nicht bei "3" auf dem Stammbaum ist.

Schauen wir uns die Kreatur mal näher an. "Migration" stammt vom lateinischen "migratio", was nichts anderes bedeutet als "Wanderung". Wir haben es also neudeutsch und politically incorrect mit "Menschen mit Wanderhintergrund" zu tun. Und damit wird auch schon der ganze Unsinn der Wortneuschöpfung offenbar: Denn in der Übersetzung bekommt meine wanderlustige, "reinrassig" deutsche Oma somit einen "Migrationshintergrund" verpaßt. Was wohl nicht so richtig im Sinne des Erfinders war.
Dönerbudenbesitzer Erkan von nebenan dagegen bekommt keinen, weil er auch die 1,5 Meter von der Friteuse bis zum Gammelfleischkarussell noch mit seinem Auto zurücklegen würde, wenn er könnte. Denn das Wandern ist eben immer noch des Müllers, aber nicht des Değirmencis* Lust.

Zudem wird das Wort "Migration" in völlig unterschiedlichen Sparten der Wissenschaft überall dort verwendet, wo irgendwas zu wandern beginnt, seien es nun Erdöl, Körperzellen oder Planeten. Ein längerfristiger Wohnsitzwechsel über eine längere räumliche Distanz macht mich laut Fachgebiet Soziologie ebenfalls zum Migranten. Also hat meine Tochter theoretisch einen Migrationshintergrund, denn ihr Papa ist ja bis ins ferne Bavaristan gereist, um sich dort seit Jahren in der alten Kunst des Weißwurstdopings zu üben.

Letztendlich sind wir, erdgeschichtlich betrachtet, hierzulande allesamt Migranten, denn die Wiege der Menschheit stand nach recht einhelliger Expertenmeinung nicht in Wuppertal oder Villingen-Schwenningen, sondern irgendwo in Afrika. Und selbst theologisch kommt man der Angelegenheit nicht bei, schließlich war ja Adams und Evas Auszug aus dem Paradies eine lupenreine Migration.

Man merkt also: Das Wort "Migrationshintergrund", so inflationär es auch heute benutzt wird, ist ein Produkt höheren Blödsinns, ersonnen offenbar von Menschen mit Klapsmühlenhintergrund. Aber wie der Mensch so ist: Was nicht passt, wird passend gemacht, und wo kein Sinn drin ist, wird einer eingefüllt. Und so losgelöst vom ursprünglichen Zweck ist der Begriff einfach verführerisch praktisch. Jeder kann sich nunmehr von dem Verdacht der Diffamierung oder Beleidigung reinwaschen, weil er nie mehr Worte wie "Gastarbeiter", "Asylant" oder "Ausländer" benutzen muß, vor allem, wenn es sich bei den so Bezeichneten um Inhaber eines deutschen Passes handelt. Man meidet den semantischen Eiertanz, faselt stattdessen einfach irgendwas von "Migration" und wähnt sich auf der politisch korrekten Seite. Zumindest bis sich eines Tages herausstellt, daß auch dieser rhetorische Kunstgriff doch nicht ganz so politically correct war, wie man dachte, und sich irgendein Wortverdreher etwas noch hübsch-häßlicheres ausdenkt.

*) Degirmenci = türkisch: Müller

Samstag, 30. August 2008

Bloggosphäre revisited

Bin beim Recherchieren für einen Beitrag über die Bayernpartei eher zufällig auf folgenden Blogeintrag gestoßen:

" Wer erfand den Fusion Jazz? Herbie Mann, Tony Williams, Miles Davis? Ganz falsch! Der Erfinder heißt Florian Weber, ist Vorsitzender der Bayernpartei, trommelt bei Sportfreunde Stiller, moderiert Kinderfernsehen, spielt Jazzklavier und nennt seinen Fusion Jazz „FuJa“ ",

nachzulesen unter http://www.jazzthing.de/blogthing/die-bremer-jazz-vermessung/.

Leider ist der letzte Satz kompletter Blödsinn. Zwar heißen sowohl der Parteivorsitzende als auch der Fernsehmoderator, der Drummer und zuletzt der Jazzmusiker alle miteinander "Florian Weber", tatsächlich handelt es sich aber um 4 verschiedene Personen. Ich will ja nicht klugscheißen (naja, eigentlich schon...), aber man hätte drauf kommen können. Allein, daß der Vorsitzende der BP Kindersendungen moderiert, ist an sich schon schwer vorstellbar. Aber daß er auch noch zur Verbreitung von "Negermusik" (Jazz oder Rock ist dabei mal Wurscht) beiträgt, ist in etwa so wahrscheinlich wie die Errichtung einer Moschee im Zentrum von Halberstadt.

Freitag, 29. August 2008

Deutschland, deine Migranten

Wenn man derzeit Pro7 schaut, könnte man meinen, all das Gedöns über Parallelgesellschaften, mangelnden Intergrationswillen und gescheiterte Multikulti-Phantasien wäre von der Presse aufgeputschter Mumpitz. Heute abend z.B. durften zuerst eine Holländerin, ein deutscher Rapper und ein deutscher Tanz-Drill Sergeant mit Migrationshintergrund aus einem Haufen Mädels, von denen ebenfalls wie gewohnt eine ganze Menge still vor sich hin migrierte, die vier am wenigsten grusligen aussuchen. Danach ging's aber richtig ab (ich spare mir hier mal die Erwähnung jedes einzelnen "Migrationshintergrundes" und den Blick in den Reisepaß, sondern bleibe der Einfachheit halber beim Greifbaren): Eine Brasilianerin und ein Italiener bekommen ein Kind, begleitet und unterstützt von ihren Familien, außerdem einer Kroatin, einem Engländer und einem US-Amerikaner. Und wem das noch nicht reicht, der darf auch nochmal einen Blick auf den dicken Tanzlehrer von vorhin werfen.

So schön und harmonisch ist das Zusammenleben in der Bunten Republik Deutschland. Jedenfalls so lange man tatsächlich daran glaubt, Pro7 würde die Realität abbilden. Was selbstverständlich nicht der Fall ist, vielmehr ist alles wie gehabt: Alles mehr Soap als Doku, der Schein bestimmt das Bewußtsein.

Wie erwähnt, neuestes und soeben gestartetes Experiment mit vorprogrammierter Erfolgsgarantie ist die total intime und selbstverständlich ungestellte "Wir sind schwanger"- Homestory von Jana Ina und Giovanni.
Erstmal das Positive: Die beiden Hauptdarsteller sind wirklich grundsympathisch und kommen in ihrem Auftreten auch recht authentisch daher. Beides dürfte in puncto Erfolgsgarantie schon die halbe Miete sein. Außerdem haben die beiden, anders als zuletzt "Sarah & Marc" und der Rest der Connor/Lewe-Blase, tatsächlich was zu erzählen, nämlich die Geschichte ihrer Schwangerschaft. Und die serviert uns Pro7 brühwarm, vom ersten Test bis vermutlich hinein in den Kreißsaal.
Und genau da beginnen die Probleme mit der Glaubwürdigkeit des Ganzen. Wenn ich unter der Prämisse "Wir sind schwanger" eine Fernsehdoku drehe, wieviel Authentizität steckt dann noch in dem "live" auf Video gebannten Schwangerschaftstest und der unweigerlich folgenden "Überraschung - Wir sind schwanger!"? Man sollte meinen: keine.
Und wie überrascht können Eltern wirklich über die frohe Botschaft sein, wenn im heimischen Wohnzimmer ein Kamerateam darauf wartet, die zu erwartenden, selbstverständlich ganz spontanen Freudenausbrüche auf Video festzuhalten? Oder läßt die Familie etwa regelmäßig den täglichen Kaffeeklatsch professionell aufzeichnen, für den Fall, daß mal jemand etwas fernsehtaugliches zu verkünden hat? Und so wurden dann ganz zufällig auch die ausgestrahlten Szenen aufgezeichnet? Es wäre albern, dies anzunehmen. Vermutlich stand sogar der VW-Bus der Kameracrew, großflächig versehen mit den Logo der Show, direkt vor der Haustür.

Davon abgesehen blieb die erste Folge der Doku weitgehend glaubwürdig. Trotz vorhersehbarer Handlung, zweifelhaftem Realismus und gewohnt flacher Dramaturgie macht es irgendwie Spaß, diesem Paar beim Elternwerden zuzuschauen. Es ist einfach nett, sich per Doku-Soap bestätigen zu lassen, daß Promis, egal aus welcher Liga, in ihren 4 Wänden auch nur mit Wasser kochen und genauso stundenlang mit der Zeitung auf dem Klo sitzen wie unsereins. Auch wenn man es natürlich schon immer irgendwie geahnt hat. Diese Art der Entzauberung weckt von vornherein schon Sympathie, ob der solcherart Entzauberte diese nun verdient oder nicht.

Die Antwort auf die Frage, warum sich jemand z.B. unbedingt dabei filmen lassen möchte, wenn einem der Gynäkologe im Allerheiligsten herumfuhrwerkt, bleibt allerdings auch diese Show schuldig. Vermutlich lautet sie aber einfach: Sie sind jung und brauchen das Geld.

Donnerstag, 21. August 2008

Rätsel Handy

Kann mir mal jemand verraten, warum sich ein Handybesitzer mit seinem Quasselknochen ausgerechnet in eine Telefonzelle stellt, um dort zu handyfonieren? So geschehen vor 3 Tagen in München, Laimer Platz.

Hat er

a) etwa den Sinn und Zweck eines mobilen Telefons nicht verstanden, welcher ja genau darin besteht, immer und überall ungefragt seinen Mitmenschen durch lautstarkes Telefonieren auf den Senkel zu gehen?

b) versucht, die Telekom mal so richtig zu verarschen?

c) die Bezeichnung "cell phone" irgendwie mißverstanden?

oder

d) als geistiger Einzeller auf "Home Zone" spekuliert?

Es gibt einfach zu viele Bekloppte in München.
Aber dazu später mehr...

Dienstag, 12. August 2008

"There will be Blood" und "10.000 BC"

Heute gibt's mal wieder ein paar Kurzkritiken in Sachen Film.

Wer sich den Trailer von "There will be Blood" anschaut, muß glauben, hier bekäme er eine große Familiensaga vorgesetzt, irgendwo zwischen "Giganten" und "Dallas", mit einem Schuß Action.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der Film erzählt vom Aufstieg eines mittellosen Goldsuchers zum Ölmagnaten, den im Laufe der Geschichte persönliche Schicksalsschläge zum zynischen, einsamen Misanthropen werden lassen. Auch wenn dieser Charakter beim Zuschauer nicht grade viele Freundschaftspunkte sammelt, so sind doch seine diversen Gegenspieler, allen voran der bigotte Laienprediger Eli, nicht minder unsympathisch.
Daniel Day-Lewis spielt den skrupellosen, emotional mehr und mehr verkümmernden Unternehmer mit beeindruckender Intensität. Die Handlung läuft dabei in relativ ruhigen Bahnen (in den ersten 10 Minuten wird zB kein einziges Wort gesprochen), allerdings immer wieder unterbrochen von Ausbrüchen roher Gewalt. Kein Film für gesellige Abende mit Popcorn & Caipirinha, aber sehenswert.

"10.000 BC" dagegen hat alles, nur keinen Tiefgang. Es geht um D'Leh, einen Mammutjäger, der auszieht, um seine Geliebte aus den Händen finsterer Sklavenjäger zu befreien, und dabei zum prophezeiten Anführer einer bunt zusammengewürfelten Naturvolk-Guerillatruppe mutiert. Diese befreit dann ihre sämtlich versklavten Brüder und Schwestern aus den Händen böser Pyramidenbauer und mit ihnen selbstredend auch die Geliebte des Steinzeit-Spartakus.
Leider ist das Ganze nicht halb so spannend, wie es vielleicht klingt, und die Frage nach dem Sinn sollte man erst gar nicht stellen.
So simpel wie die Story von Reißbrett ist auch ihre Umsetzung. Die Charaktere bleiben blaß, handeln unglaubwürdig und sondern, wenn sie mal reden, hauptsächlich heldenhaft-dumme Plattheiten ab. Die Bösen sind halt so richtig böse, sehen böse aus und reden, als würden sie morgens mit Salzsäure gurgeln. Den Guten platzt dafür der Edelmut aus allen Nähten.
Auch die spärlicher als erwartet eingesetzten visual effects können nicht so richtig überzeugen, da waren die Viecher aus "Ice Age" weit lebensechter als die Animationen in diesem Film.
Überhaupt scheint sich Regisseur Emmerich weitgehend bei "Ice Age" Inspirationen geholt zu haben. Denn wenn Säbelzahntiger, Riesenvögel und Mammuts mit Steinzeitmenschen um die Wette rennen, Schamanen zaubern und dann auch noch allem Anschein nach ägyptische Pyramidenbauer auftauchen, dann klingt das entweder nach LSD-Trip oder nach kitschigem Märchen. Nur darf man dann diesem Schweinsgalopp durch die verschiedensten Erdepochen nicht den Titel "10.000 before christ" geben. Aber vielleicht steht "BC" ja auch für "beleidigte Cineasten", "bekloppte Chnapsideen" oder "Bags of Cannabis"?

Alles in allem: Treffer...verschenkt.

Sonntag, 10. August 2008

Message in a bottle

Bionade, dem Durchschnittskonsumenten wohl eher als überteuerte
Kräuterbrause mit zeitweiligem Kultfaktor ein Begriff, hat eine neue
Werbekampagne aufgelegt. Nachdem die Firma ja zuletzt eher durch Negativschlagzeilen und aggressive Preispolitik von sich reden machte, möchte man wohl damit das angekratzte Image wieder etwas aufpolieren.

Laut Firmenwebsite "streut" Bionade "Botschaften". "Mal sind die Botschaften frech, mal feinsinnig, mal humorvoll. Das Besondere ist ihre Platzierung. Denn die Botschaften stehen immer in direktem Kontext zum Standort des Motivs."

So zumindest die Behauptung der Firma. Aufmerksam geworden bin ich durch
das Plakat: "Bionade präsentiert lustige Wörter in Bahnstationen. heute:
Litschi." Ich dachte zunächst wirklich, nun hagelt es einen Großangriff
lustiger Worte (mein ungeschlagener Favorit ist übrigens "Bommelmütze"). Falsch gedacht.
Diese "Botschaft" steht nur für sich allein, was ich recht enttäuschend
fand, unter anderem weil "Litschi" in puncto "lustiges Wort" wirklich kein non plus ultra ist.

Im Zuge dessen hab ich mir mal die anderen Slogans angeschaut, und was soll
ich sagen: wenn es für Unoriginalität auch Preise gäbe, wären einige der
Sprüche ein paar ganz heiße Anwärter auf den Pokal. "Feinsinnig" ist meines
Erachtens nach keine der "Botschaften", "frech" gerade mal 2 von 26,
nämlich jene, in denen Bionade genüßlich auf ihren Mitbewerbern rumhackt.
Negativschlagzeilen auch zu dem Thema hat es ja im letzten Jahr genug gegeben.
Der Rest der Plakate soll zumindest humorvoll sein. Besonderer "Kick" soll außerdem die Platzierung der Plakate sein, die mit der jeweiligen Botschaft nochmal in besonderem Kontext stehen soll, damit die "Pointen" auch so richtig zünden. Schaun wir mal:










So weit, so unspektakulär. Wirklich witzig ist das nicht. Aber weiter.

Wer jetzt denkt, daß uns dieses hübsche Plakat demnächst beim Gottesdienst wiederbegegnet: Wieder falsch. Das hängt einfach nur unmotiviert in Essen herum. Weit mehr Understatement würde es entwickeln, würde man es an einer Scientology-Filiale aufhängen.







Tatsächlich an Kirchen soll dafür dieses hier hängen:






Warum, weiß kein Mensch. Vielleicht ist ja die Bionade von heute der Meßwein von morgen. Abendmahl 2.0? "Point of Soul" statt Point of Sale?

...hat dagegen rein gar nichts mit "Lätta" zu tun, sondern prangt seit kurzen in der Nähe von - man ahnt es schon - IKEA-Filialen.
Hier mein Gegenvorschlag:



Dieses Plakat wurde allen Ernstes speziell für München entwickelt. Daß jemand den Trappatoni-Ausraster, nachdem dieser x-mal durchgekaut, ausgelutscht und wieder ausgespuckt wurde, tatsächlich nochmal für eine Werbekampagne aus der Mottenkiste kramt, damit hat wohl keiner gerechnet. So gesehen hat Bionade das Überraschungsmoment auf ihrer Seite.


Pikant sind im übrigen auch die anderen Destinationen, die Bionade mit speziellen Botschaften beglückt. Da tummeln sich neben klassischen Werbemetropolen wie eben München, Köln und Leipzig auch so illustre "Hot Spots" wie Mainz und Aachen.

So richtig verarscht müssen sich aber die Leipziger vorkommen.






Nicht nur, daß 19 Jahre nach den ersten Montagsdemos der Slogan nicht wirklich aktuell ist. Es dürfte zudem mehr als "ein leichtes Prickeln" gewesen sein, was die damaligen Teilnehmer gespürt haben. Der ein oder andere dürfte gerade zu Beginn auch Angst um Leib und Leben gehabt haben.

Aber vielleicht wird ja hier auf andere Revolutionen angespielt? Zumindest Marie Antoinette dürfte 1793 auch leichtes Prickeln im Genick verspürt haben, als sie unter der Guillotine lag.

Grafisch ist das ganze sehr schön gelöst. Nette Idee, schöne Farben, ansprechende Schrift.
Aber die meisten Slogans selbst zünden nicht wirklich. Richtig gelungen fand ich nur "Holunder statt Blackberry", mit welchem Bionade "etablierte Wohnviertel und Szeneviertel" verschönern möchte. Das ist sogar beinahe subversiv.

Mittwoch, 6. August 2008

München für Anfänger

Oh Wanderer, der du da kommst nach München und dich entschließt, die U- und S-Bahnen zu benutzen: Aufgemerkt!
Die Münchner Stadtväter haben sich lauter lustige Streiche einfallen lassen, um den unkundigen Fremdling zu verwirren, einer davon verbirgt sich hinter den unschuldig aussehenden U-Bahn-Rolltreppen.
Von diesen Dei ex Machina gibt es 2 Sorten:

- jene, die nur in eine Richtung fahren und
- jene, die sowohl nach oben als auch nach unten fahren (können).

Am Ende dieser Rolltreppen hat man dicke, bedeutsam aussehende Metallsäulen aufgestellt, an denen folgende zweckentfremdete Verkehrszeichen prangen:
Alltäglich kann man nun verwirrt dreinblickende Menschen beobachten, welche beschwörend an diesen Leuchtzeichen herumrubbeln, -drücken oder hektisch -wedeln, in der Hoffnung, die jeweilige Rolltreppe auf diese Weise dazu zu bringen, in die gewünschte Richtung zu fahren.

Nur: Das bringt alles nix. Denn diese Zeichen können nur eins, und das ist: bei Bedarf zu leuchten. Und die protzigen Säulen sind einfach nur auf wichtig machende Metallklötze mit drei Lämpchen drin.

Mal zur Verdeutlichung, für München-Neulinge und andere Kurzurlauber:
Leuchtet nur das erste Zeichen, möchte uns die Rolltreppe sagen: "Ich fahre in die gewünschte Richtung, und nur in die. Bitte betreten sie mich."
Leuchtet nur das zweite Zeichen, heißt das: "Du hier nix mitfahre, falsches Richtung, anderes Treppe nehme."
Leuchtet aber auch das dritte, heißt das: "Ich bin die vielfältigste von allen, ich fahre rauf und runter."
Die "eingleisigen" Treppchen fahren stur nur in eine Richtung, mit denen kann man nicht diskutieren. Auf ihre dualistischen Schwestern aber hat der Fahrgast einen gewissen Einfluß.
Ist eine der letztgenannten gerade in die entgegen gesetzte Richtung unterwegs, muß man wie zu grauer Vorzeit zu Fuß die ordinäre Steintreppe gleich nebendran nehmen. Oder man wartet am Ende der Rolltreppe vor (keinesfalls! auf - dann klappt es nicht) der dort befindlichen, massiven Metallplatte. Denn diese Platte beherbergt einen klugen kleinen Kontaktmechanismus, und der - und nur der - entscheidet darüber, wohin die Reise als nächstes geht. Bleibt die Treppe stehen, latscht man einfach auf die Platte, und - voila - sie fährt, wohin man will. Außer ein anderer Fahrgast am andern Ende dieses Teufelsapparats war schneller.

Klingt komisch, ist aber so.

Montag, 4. August 2008

Sleazy Listening

Der Drang, seine Mitmenschen am eigenen Musikgeschmack teilhaben zu lassen, ist besonders unter Teenagern recht verbreitet und muß hier auch nicht weiter analysiert werden.
Was aber bringt den durchschnittlichen Teen dazu, seine Umwelt ausgerechnet mittels eines schepprigen Handys zu beschallen? Mit Lautstärkeregler auf „Volle Möhre!", damit auch wirklich sämtliche Höhen so richtig übersteuern, als kämen die Töne aus dem Innern einer Blechgießkanne?

In den goldenen 70er und 80er Jahren, als die Welt noch keinen Minimalismustrend kannte, galt wenigstens noch: Je größer der Ghettoblaster, desto cooler der Besitzer. Nun kommen zwar aus großen Boxen nicht unbedingt auch immer große Töne, trotzdem erkannte man angesichts der kleiderschrankgroßen Portables: Musik ist etwas großartiges, damit treibt man keine Scherze.
Mit den 90ern begann die große Zeit des Individualismus. Die Angehörigen der Generation X versuchten so derartig krampfhaft, sich im eigenen kleinen Mikrokosmos vom Mainstream abzuheben, daß bald ihr zwanghaftes Streben nach Individualität zum Mainstream wurde. Ideales Mittel, um sich unter der selbstgewählten Käseglocke selbst zu verwirklichen, war, sich ein paar Earplugs in die Ohren zu stopfen, um sich mittels Discman in der Einsamkeit der eigenen Schädelakustik zu verlieren.

Als logische Weiterentwicklung folgte alsbald das Handy, heute eine Art Schweizer Messer der Individualkommunikation, das zwar alles kann, aber nix richtig. Dabei kommt es echten Musik-Puristen schon einem Sakrileg gleich, sich Mp3s über Minikopfhörer vom Handy vordudeln zu lassen. Wenn aber dann noch jemand versucht, das ganze ohne Kopfhörer durchzuziehen, möchte man sich am liebsten per Laserskalpell den Hörnerv durchtrennen. Der eingebaute Lautsprecher, quasi eine Box in der Box, entfaltet dabei nämlich eine ähnlich armselige Bandbreite wie ein 1-Euro-Radiowecker aus Taiwan. Wer mal versucht hat, auf einem Stern-Radiorecorder der ersten Generation die eigenen Bayern3-Radiochartmitschnitte aus den 70er Jahren abzuspielen, weiß in etwa, was ich meine. Der einzige Unterschied ist, daß früher noch der Moderator hinten und vorne in den Song gequatscht hat.

Warum also sitzen Teenager andächtig im Kreis um ein jämmerlich vor sich hin knödelndes Handy herum, während der Besitzer es wie einen Fetisch der faszinierten Gemeinschaft präsentiert, als wär er ein Neandertaler und hätte grade das erste Mal eigenhändig Feuer gemacht? Um die eigene Schmerzgrenze zu testen? Ist es eine Art Kulthandlung, eine Anbetung an den Schutzheiligen der Ohrenärzte, Sankt Tinnitus? Oder ist es doch einfach nur wieder eine dieser seltsam anmutenden Handlungen Pubertierender (so wie das Tragen rosafarbener Ballerinas oder der Besuch von TokioHotel-Konzerten), die nur von gleichgesinnten Pickelzüchtern verstanden werden können?

Wenn es also schon ein akustisches Gruppenerlebnis sein soll, dann doch bitte richtig. Und an dieser Stelle ist dann wieder die HiFi-Industrie gefragt. Auf einem guten Weg sind zum Beispiel die Jungs, die das hier gebastelt haben, einen Entertainmentklops mit iPod inside:
Oder soll es doch gleich der feuchte Traum aller retroaktiven Nachbarschaftsbeschaller sein, die auch gerne zwischen 2 Musikstücken mal ihren Dopedealer anrufen möchten? Hier der von mir entwickelte Prototyp, ich nenne es mal das "Ghettophone":

Freitag, 1. August 2008

Begegnung der Dritten Art

Morgens kurz nach 7 in der U-Bahn: Eine blonde Frau steigt vor mir ein, auf der Schulter ein riesiges Tattoo - ein Sternenhimmel, vom Hals bis zum Schulterblatt, hervorragend gestochen. "Cool", denke ich.
Die junge Frau nimmt schräg gegenüber von mir Platz. Von vorn sieht sie aus wie ein 08/15-Bürokauffrau-Azubi: Mopsig, schmale Sekretärinnenbrille mit Leopardenbügeln und mit 3 Haarspangen ein Hahnenkämmchen auf den Kopf gebastelt.
"Auch du Scheiße", denke ich.
Dann holt sie ihre U-Bahn-Lektüre raus und beginnt zu lesen.
Ein "Hanni und Nanni"-Buch.

Da ist mir echt nix mehr eingefallen.