Der Michel hat sich gestern in der Olympia-Halle "Ben Hur - live!" angeschaut. (Ich freu mich schon auf die ganzen Kranken mit ihren Google-Queries für "Live-Huren", die deswegen auf diesem Blog landen werden. Hähä - recht geschieht's euch!)
Urteil: Bombastisches, aufwändiges-Spektakel mit leichten Abstrichen in der B-Note.
Ich gehe mal davon aus, daß die meisten Leser den Film kennen. Natürlich die Fassung von 1959 mit Charlton Heston, auf die sich auch diese Neubearbeitung deutlich erkennbar bezieht. Daher halte ich mich mal mit allgemeinen Inhaltsangaben zurück, die Story dürfte ja bekannt sein.
Es fällt allein schon schwer, die Aufführung hinsichtlich des Genres mit einer nicht allzu sperrigen Kategorisierung zu versehen. Schon im Vorfeld mit allerlei Superlativen ausgestattet, präsentieren uns die Macher ein perfekt inszeniertes, bisweilen recht effekthascherisches Action-Musical. Aber der Reihe nach.
Zu Anfang wird der Zuschauer auf die quirligen Straßen Jerusalems entführt, wo sich Dutzende Gaukler, Händler und Schaulustige tummeln, daß man gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Dabei projiziert die Beleuchtung holpriges Straßenpflaster in den Arenasand, vier riesige Wagen mit Aufbauten, die von den Darstellern bei jedem Szenewechsel durch die Arena gekarrt werden, stellen Häuserfassaden dar, auf denen sich ebenfalls Darsteller tummeln. Inmitten des wilden Treibens die Freunde Judah Ben Hur und Messala, die ein bißchen durch die Gegend galoppeln, feiern und auch sonst guter Dinge sind, bis Messala nach West Point Rom muß. Zwischendurch kündigt sich schonmal der sich anbahnende Konflikt zwischen Römern und Juden an, wenn eine Abordnung römischer Soldaten durch die Arena marschiert und mit Waffengewalt eine Mini-Revolte auflöst. Das ganze Szenario gestaltet sich recht bombastisch, überall in der recht großen Arena passiert irgend etwas. Begleitet wird das Ganze von einem stimmigen Score, großartigen Beleuchtungseffekten und Ben Becker, der als "der Erzähler" mal vor, mal hinter den Kulissen die Geschehnisse für den Zuschauer kommentiert, denn die überschaubaren Dialoge werden in Latein und Aramäisch abgehalten. Was ich im übrigen für ziemlichen Blödsinn halte, auch wenn man sich damit geschickt aus der Übersetzungs-Affäre zieht (man ist ja auf Europa-Tournee). Denn es verleiht der Darbietung, die zwar hinsichtlich Ausstattung und Kostüm um Athentizität bemüht ist, bei der aber auch bei vielen Tätigkeiten (essen, trinken, kämpfen) für alle sichtbar operettenhaft "nur so getan wird", auch nicht mehr Authentizität. Da wehte dann ein Hauch Mel Gibson durch das Skript...
Becker, angetan mit schwarzem Anzug und Melone, der klassischen Ben-Becker-"ich gehör nicht in dieses Jahrhundert"-Montur, stolziert als Erzähler immer mal wieder mit der ihm eigenen Selbstverliebtheit zwischen den Protagonisten herum. Obwohl er aufgrund seiner hervorragenden Stimme natürlich für diese Rolle prädestiniert ist und ihm sein völlig deplaziertes Outfit eine natürliche Distanz zum Rest des Treibens verleiht, sind seine Auftritte aufgrund der Klamotte einigermaßen bizarr. Meinetwegen hätte er auch gar nicht zu sehen sein müssen, so, wie sich das für einen klassischen Erzähler auch gehört hätte.
Zurück zur Handlung. Ein paar Jahre gehen - unsichtbar für den Zuschauer - vorbei, irgendwann ist Messala wieder da. Und es kristallisiert sich heraus, daß er ein karrieregeiler Wicht ist, der im Rahmen des angeblichen Attentats auf den neuen römischen Statthalter mit seinem alten Freund Judah bricht, selbigen auf die Galeeren und seine Familie in den Kerker schickt. Im folgenden kommt es zur ersten Begegnung zwischen Judah und Jesus Christus, in der letzterer ersterem verbotenerweise Wasser gibt, im Film eine Schlüsselszene. Auch hier wird die Szene beinah 1:1 umgesetzt und von Becker entsprechend kommentiert - für den Unkundigen wichtig, für Kenner des Films überflüssig und beinah störend. Ruck-zuck landet Judah im Verlauf auf den Galeeren. Hier haben erneut die Techniker, die ich ohnehin für die heimlichen Stars der Inszenierung halte, wieder zugeschlagen und zwei riesige Gestelle auf Rollen kreiert, die sich vor den Augen des staunenden Publikums in stilisierte römische Kriegsgaleeren verwandeln. Während diese mühevoll von Dutzenden Sklaven-Statisten, unter ihnen Judah Ben Hur, durch das Oval der Arena geschoben werden, bricht auch schon die Seeschlacht los. Und die ist mal richtig lustig. Die Macher müssen sich wohl überlegt haben, wie man das Tempo und die Action einer (filmischen) Seeschlacht in eine Arena transportiert, die mit zwei Schiffsattrappen ohnehin schon gut gefüllt ist. Und sind darauf verfallen, die angreifenden Piraten auf 8-10 schwarzen Buggies einreiten zulassen. Auf denen umkreisen sie dann Fackel und Schwert schwingend die beiden großen Schiffe und wirbeln ganz nebenbei auch den Kunstnebel wunderbar auf, der die inzwischen in Fackelschein getauchte Olympiahalle durchwabert. Eine geniale Idee, denn obwohl diese wildgewordenen Rasenmäher natürlich faktisch nicht ins historische Bild passen, vermitteln sie doch glaubhaft den Eindruck eines wilden Kampfes von Mad Max'schen Dimensionen. Die Zuschauer gestern zumindest waren hoch amüsiert.
Alles weitere ist kurz erzählt. Judah rettet den römischen Befehlshaber, einmal während der Schlacht, ein zweites mal vor dem Selbstmord. Dieser nimmt ihn daraufhin an Sohnes Statt in sein Haus auf, Judah wird Römer. Nebenbei nährt er seinen Hass und seine Rachegelüste auf Messala.
Damit endet die erste Stunde des Spektakels.
Nach 20 Minuten geht es weiter. Der Beginn ist etwas hektisch. Zunächst werden wir Zeuge einer stilisierten, mit akrobatischen Einlagen gespickten römischen Orgie Messala's, auf deren Höhepunkt Judah als Überraschungsgast auftaucht und zu wissen fordert, was aus seiner Mutter und Schwester wurde. Danach werden schnell Kulissen verschoben, Messala sucht die totgeglaubten Frauen im Gefängnis auf, entdeckt, daß sie Lepra haben und läßt sie vertreiben. Schon wieder werden hektisch Kulissen verschoben, die Szene verwandelt sich in eine Oase, wo Scheich Ilderim einen Wagenlenker für sein Pferdegespann sucht und sich den zufällig des Weges kommenden Judah dafür auskuckt, weil der sich so gut mit Pferden auskennt. Zum ersten Mal bekommt das Publikum einen Vorgeschmack auf das legendäre Wagenrennen, wenn das schneeweiße Vierergespann in beeindruckendem Tempo durch die Arena rast. Daß im nächsten Moment völlig unpassender Weise ein Dreikäsehoch mit einem von Shetlandponys gezogenen Streitwägelchen eine Runde durch die Halle dreht und wieder verschwindet, irritiert zwar, stört aber nicht weiter. Wie ich gelesen haben, handelt es sich dabei um den Sohn des Pferdetrainers. Man kann sich drüber streiten, ob das jetzt wirklich sein mußte.
Wie auch immer, nach kurzem Auftritt von Balthasar und einer ersten Erwähnung der Botschaft des "jungen Rabbis aus Nazareth" verschwindet auch die Wüstenszenerie schon wieder. Wir schalten um zu einem Mini-Zwischenspiel, bei dem Jesus mit "Wer unter euch ohne Sünde ist..." eine Frau vor der Steinigung rettet. Zapp! - Schon sind wir beim ehemaligen Haus der Familie Hur, wo Mutter und Schwester auf Judahs frühere Ische Esther treffen. Die muß schwören, daß sie Judah nix von den beiden erzählt, dann verschwinden sie wieder Richtung Aussätzigen-Wohnanlage. Zapp!- nächste Szene.
Ab sofort kommt wieder etwas mehr Ruhe in die Geschichte. Wir werden Zeuge von einigen Gladiatorenkämpfen, die für meinen Geschmack ruhig etwas zünftiger hätten ausfallen können. Vor allem, nachdem es in der Vorankündigung hieß, daß die Abendvorstellungen um einiges drastischer ausfallen würden als die familienkompatibleren Nachmittagsveranstaltungen. Na ja.
Scheich Ilderim tritt auf und überredet den anwesenden Messala zu einem Wagenrennen gegen sein eigenes Gespann unter der Führung von Judah. Messala nimmt an, und setzt in der nächsten Zwischenszene seine Gladiatoren auf Judah an, welche natürlich gegen den von Rache Getriebenen jämmerlich abloosen. Diese Szene kommt im Film nicht vor und macht auch in puncto Motivation wenig Sinn, den eigentlich will Messala den verhassten Rivalen ja beim Rennen vorführen. Hier wurde eindeutig die Story zugunsten einer weiteren Actionsequenz geopfert, obwohl "Action" bei dem stilisierten Hauen und Stechen eher relativ ist. Derweil versucht Erzähler Becker, die der konfusen Spielhandlung abgehende Dramatik durch ein Mehr an Pathos zu kompensieren, was aber nur bedingt gelingt.
Erneuter Szenenwechsel, wir befinden uns nun im Hause Hur, wo Judah Esther wieder begegnet. Ab jetzt folgt die Handlung wieder der vertrauten Sory. Esther versucht nun, Judah von seiner Rache abzubringen und berichtet ihrerseits von Jesu Botschaft von Liebe und Vergebung. Doch Judah will davon nichts wissen.
Als nächstes folgt das von allen erwartete Wagenrennen. Hier schürt die Filmvorlage natürlich extrem hohe Erwartungen, und die Vorankündigung der Show hat versprochen, diese zu erfüllen. Aber natürlich hat man im Film ganz andere Möglichkeiten, durch Schnitte, Soundeffekte und Tricksereien einen Spannungsbogen zu erzeugen. Die Möglichkeiten bieten sich natürlich während einer Live-Show nicht, und eine Olympiahalle ist nun mal kein Circus Maximus. So krankt das "Mega-Event" genau an einem seiner wichtigsten Glanzpunkte, dem Wagenrennen.
Nun verstehe man mich nicht falsch: Das Rennen ist spektakulär, die insgesamt fünf Pferdegespanne sind toll, die Geschwindigkeiten atemberaubend. Aber eben nicht ganz so toll, wie man es vielleicht erwartet hatte. Die "Kleinigkeiten" fehlen. Messala prügelt nicht zwischendurch auf Judah ein, niemand wird überrollt, keiner der Wagen hat fiese Fräse-Radkappen oder andere Gimmicks. Das Messala-Double fährt sogar die meiste Zeit drei Wagenlängen hinter den anderen Gespannen her. Nach und nach fällt ein Wagen nach dem andern nach Plan auseinander oder um, "Messala" wird ein Stück mitgeschleift, Judah gewinnt, und das Rennen ist vorbei,kaum, das es begonnen hat. Zumindest scheint es so.
Judah sucht den schwer verwundeten Messala auf, dieser erzählt ihm, daß Mutter und Schwester nicht tot, sondern leprakrank sind. Im Zenit seiner Rache, bringt Judah es doch nicht übers Herz, den verhaßten Rivalen um dier Ecke zu bringen (was auch auf einen sehr unehrenhaften Mord vor Zeugen hinausgelaufen wäre). Judah vergibt Messala sogar.
Wieder werden in Windeseile Kulissen verschoben, aus dem Circus weicht einer Szenerie, die wohl irgendwie gleichzeitig Bergpredigt und Kreuzweg symbolisieren soll. Jesu Jünger ziehen ein, angeblich nach Jerusalem, Jesus steht auf einem Berg in ihrer Mitte. Judah kommt begenet in der Menge Esther, Mutter und Schwester. Gemeinsam gehen sie auf den Berg. Judah erkennt Jesus als den Mann, der ihm einst Wasser gab, legt ihm sein Schwert zu füßen und verspricht, ihm eine Armee aufzustellen. Jesus lehnt natürlich dankend ab, worauf Judah verspricht, Jesus' Botschaft zu folgen. Dieser heilt daraufhin Mutter und Schwester, die umstehende Menge jubiliert, Tauben steigen auf. Das Licht fährt herunter, kurz darauf erscheint im Spotlicht der nackte Jesus in Gekreuzigten-Pose, während Judah ihm zu trinken gibt. Dann ist endgültig Schluß.
Damit endet das Ganze völlig unverdient in einem pathetischen Groschenroman-Finale. Das hochdramatische, mit christlicher Symbolik aufgeladene Filmende wird dadurch zu einer Kurzfassung eingedampft, die einem das Gefühl gibt, man wollte plötzlich einfach schnell zum Ende kommen. Und je weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit gespielt und agiert wird, um so mehr muß Erklärbär Becker den Zuschauern wortreich erläutern, was gerade so in den Köpfen (und Herzen) der Protagonisten abläuft.
Auch wenn meine Kritik zu Schluß hin vielleicht etwas herb ausfällt, das Spektakel ist absolut sehenswert und vermag den Zuschauer über die gesamte Dauer zu fesseln und bei der Stange zu halten. Auch wenn die Dramaturgie bei all den Schauwerten und Effekten etwas auf der Strecke bleibt und auch die Schauspieler nicht unbedingt oscarreif agieren, ich hatte einen sehr unterhaltsamen Abend. Wobei es eventuell sogar von Vorteil istz, wenn man den Heston-Film nicht kennt und so die ganze Sache weniger vorbelastet auf sich wirken lassen kann.
Samstag, 31. Oktober 2009
Donnerstag, 29. Oktober 2009
Je dichter ich werde, desto denker werde ich auch
Mag sein, daß ich in letzter Zeit etwas bissig und ein wenig politischer als sonst bin. Nur gehen mir unsere gewählten Volksvertreter derzeit auch ordentlich auf die Bällchen.
Vergessen wir mal für einen Moment die aktuelle Parlamentskonstellation samt zugehöriger Parteienlandschaft. Egal, wer das Land regiert, ich erwarte, daß er seine Kraft in den Dienst des Volkes stellt. Daher auch "Volksvertreter". Schließlich sind es nicht nationale oder multinationale Konzerne und Finanzkonglomerate, die den Damen und Herren Parlamentarier ihre Frühstücksbrötchen finanzieren. Deren Anteil am Steueraufkommen reicht gerade mal für eine dünne Schicht Margarine auf diesen Semmeln. Semmel und Aufschnitt finanzieren Otto Normalverbraucher.
Vor diesem Hintergrund finde ich es nachgerade skandalös, daß unsere Regierung in vielen Dingen konsequent am Volkeswillen vorbeiregiert. Vermutlich halten unsere Berufspolitiker es mit Wolfgang Schäuble, der vor vielen Jahren mal in einem MAX-Interview sinngemäß so etwas gesagt hat wie: "Das Volk muß auch mal gegen seinen Willen regiert werden, da es selbst zu dumm ist zu begreifen, was gut für es ist."
Beispiele gefällig?
Nehmen wir die Gesundheitspolitik. Obwohl seit Jahren die eine Gesundheitsreform die nächste ablöst, steigen die Kosten des Gesundheitssektors kontinuierlich. Gleichzeitig steigen die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung, die Qualität der Versorgung nimmt dagegen stetig ab, zumindest für Kassenpatienten. M.a.W.: Die, die das System (beitrags-)finanzieren, erhalten dafür gleichzeitig den geringsten Gegenwert. Klingt nicht gerade nach einer lohnenden Investition, oder?
Ein Grund für die steigenden Kosten sind die Kosten für Pharmazeutika. Obwohl die Politik in vielen EU-Ländern der durchaus phantasievollen Preisgestaltung der Pharmakonzerne einen Riegel vorgeschoben hat, konnte sich unsere (weitgehend privat versicherte) Bundesregierung bisher noch nicht zu so einer Maßnahme durchringen.
Leidtragende: das Gros des steuer- und beitragszahlenden Wahlvolkes.
Thema Bildungspolitik: Obwohl wir beständig neidvoll nach Skandinavien schielen und ganz Deutschland von den dortigen paradiesischen Bildungsverhältnissen schwärmt, bekommt es in unserem Land niemand hin, dies auch bei uns umzusetzen. Lieber halten wir an einem nachgewiesen ungerechten, unsozialen, unterfinanzierten und nur mäßig effizienten Schulsystem fest.
Leidtragende: die Kinder der Steuerzahler, oder anders gesagt: die Zukunft des Landes.
Oder der Verbraucherschutz.
Obwohl die Mehrzahl der Bevölkerung die Einführung einer einheitlichen Ampel-Kennzeichnung für Lebensmittel befürwortet, wird diese von der Politik abgelehnt.
Obwohl Feinstäube aus dem Straßenverkehr nachweislich unsere Gesundheit negativ beeinflussen, sträubt sich die Politik gegen eine verpflichtende Ausrüstung von Dieselfahrzeugen mit entsprechenden Filtern.
Nicht unbedingt schlüssige Begründung jeweils: Rücksichtnahme auf die deutsche Industrie.
Leidtragende jeweils: die Bundesbürger.
Wie wär's mit Energiepolitik?
Jeder weiß um die Gefährlichkeit von Atomkraft, jeder weiß um die Störfälle und um die Probleme der Endlagerung. Keiner möchte ein AKW oder ein Atommüllendlager im Hinterhof haben. Wir alle zahlen für die milliardenschweren Sanierungskosten der unsicheren Endlager, von denen die wahren Verursacher nichts mehr wissen wollen. Trotzdem zeichnet sich ab, daß die neue Bundespolitik auf der Schleimspur der Energiekonzerne entlangkriechen wird und den Ausstieg abblasen möchte.
Obwohl immer wieder über illegale Preisabsprachen und marode Netze berichtet wird und gern die enormen Energiekosten angeprangert werden, hat sich noch kein Politiker bereit gefunden, hier regulierend einzugreifen. Hier rührt sich höchstens mal ein Finger, wenn die deutsche Industrie anfängt zu meckern.
Hauptsächlich Leidtragende auch hier: das Volk.
WEN vertreten "die da oben" denn nun eigentlich? Uns?
Ich denke nicht.
Andererseits halte ich das deutsche Volk ebenfalls für ansatzweise schizophren. Seitdem Schwarz-Gelb gewählt wurde, vergeht kein Tag, an dem nicht überall lautstark auf die neue Regierung und deren Absichtserklärungen und zukünftige Maßnahmen geschimpft und gejammert wird.
Ja, wer zum Kuckuck hat die denn eigentlich gewählt, wenn sie doch scheinbar keiner haben will? Zumal sich ja jeder an drei Fingern hätte abzählen können, was da auf uns zukommt.
Oder steht es um Germanien wirklich so bescheiden, daß bei der Bundestagswahl von allen Gurken einfach nur die dicksten gewonnen haben? Ohne darüber hinweg täuschen zu können, daß auch sie letztendlich nur Gurken sind?
Wie so oft, werden wir auch diese und alle kommenden Krisen nur mit Humor meistern können. Etwas, was uns Deutschen naturgemäß leicht fällt, denn deutscher Humor ist legendär. Ich mach dann mal den Anfang mit dem folgenden, thematisch wunderbar passenden "Toll!"-Beitrag vom 27.10. (ZDF, Frontal21).
Vergessen wir mal für einen Moment die aktuelle Parlamentskonstellation samt zugehöriger Parteienlandschaft. Egal, wer das Land regiert, ich erwarte, daß er seine Kraft in den Dienst des Volkes stellt. Daher auch "Volksvertreter". Schließlich sind es nicht nationale oder multinationale Konzerne und Finanzkonglomerate, die den Damen und Herren Parlamentarier ihre Frühstücksbrötchen finanzieren. Deren Anteil am Steueraufkommen reicht gerade mal für eine dünne Schicht Margarine auf diesen Semmeln. Semmel und Aufschnitt finanzieren Otto Normalverbraucher.
Vor diesem Hintergrund finde ich es nachgerade skandalös, daß unsere Regierung in vielen Dingen konsequent am Volkeswillen vorbeiregiert. Vermutlich halten unsere Berufspolitiker es mit Wolfgang Schäuble, der vor vielen Jahren mal in einem MAX-Interview sinngemäß so etwas gesagt hat wie: "Das Volk muß auch mal gegen seinen Willen regiert werden, da es selbst zu dumm ist zu begreifen, was gut für es ist."
Beispiele gefällig?
Nehmen wir die Gesundheitspolitik. Obwohl seit Jahren die eine Gesundheitsreform die nächste ablöst, steigen die Kosten des Gesundheitssektors kontinuierlich. Gleichzeitig steigen die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung, die Qualität der Versorgung nimmt dagegen stetig ab, zumindest für Kassenpatienten. M.a.W.: Die, die das System (beitrags-)finanzieren, erhalten dafür gleichzeitig den geringsten Gegenwert. Klingt nicht gerade nach einer lohnenden Investition, oder?
Ein Grund für die steigenden Kosten sind die Kosten für Pharmazeutika. Obwohl die Politik in vielen EU-Ländern der durchaus phantasievollen Preisgestaltung der Pharmakonzerne einen Riegel vorgeschoben hat, konnte sich unsere (weitgehend privat versicherte) Bundesregierung bisher noch nicht zu so einer Maßnahme durchringen.
Leidtragende: das Gros des steuer- und beitragszahlenden Wahlvolkes.
Thema Bildungspolitik: Obwohl wir beständig neidvoll nach Skandinavien schielen und ganz Deutschland von den dortigen paradiesischen Bildungsverhältnissen schwärmt, bekommt es in unserem Land niemand hin, dies auch bei uns umzusetzen. Lieber halten wir an einem nachgewiesen ungerechten, unsozialen, unterfinanzierten und nur mäßig effizienten Schulsystem fest.
Leidtragende: die Kinder der Steuerzahler, oder anders gesagt: die Zukunft des Landes.
Oder der Verbraucherschutz.
Obwohl die Mehrzahl der Bevölkerung die Einführung einer einheitlichen Ampel-Kennzeichnung für Lebensmittel befürwortet, wird diese von der Politik abgelehnt.
Obwohl Feinstäube aus dem Straßenverkehr nachweislich unsere Gesundheit negativ beeinflussen, sträubt sich die Politik gegen eine verpflichtende Ausrüstung von Dieselfahrzeugen mit entsprechenden Filtern.
Nicht unbedingt schlüssige Begründung jeweils: Rücksichtnahme auf die deutsche Industrie.
Leidtragende jeweils: die Bundesbürger.
Wie wär's mit Energiepolitik?
Jeder weiß um die Gefährlichkeit von Atomkraft, jeder weiß um die Störfälle und um die Probleme der Endlagerung. Keiner möchte ein AKW oder ein Atommüllendlager im Hinterhof haben. Wir alle zahlen für die milliardenschweren Sanierungskosten der unsicheren Endlager, von denen die wahren Verursacher nichts mehr wissen wollen. Trotzdem zeichnet sich ab, daß die neue Bundespolitik auf der Schleimspur der Energiekonzerne entlangkriechen wird und den Ausstieg abblasen möchte.
Obwohl immer wieder über illegale Preisabsprachen und marode Netze berichtet wird und gern die enormen Energiekosten angeprangert werden, hat sich noch kein Politiker bereit gefunden, hier regulierend einzugreifen. Hier rührt sich höchstens mal ein Finger, wenn die deutsche Industrie anfängt zu meckern.
Hauptsächlich Leidtragende auch hier: das Volk.
WEN vertreten "die da oben" denn nun eigentlich? Uns?
Ich denke nicht.
Andererseits halte ich das deutsche Volk ebenfalls für ansatzweise schizophren. Seitdem Schwarz-Gelb gewählt wurde, vergeht kein Tag, an dem nicht überall lautstark auf die neue Regierung und deren Absichtserklärungen und zukünftige Maßnahmen geschimpft und gejammert wird.
Ja, wer zum Kuckuck hat die denn eigentlich gewählt, wenn sie doch scheinbar keiner haben will? Zumal sich ja jeder an drei Fingern hätte abzählen können, was da auf uns zukommt.
Oder steht es um Germanien wirklich so bescheiden, daß bei der Bundestagswahl von allen Gurken einfach nur die dicksten gewonnen haben? Ohne darüber hinweg täuschen zu können, daß auch sie letztendlich nur Gurken sind?
Wie so oft, werden wir auch diese und alle kommenden Krisen nur mit Humor meistern können. Etwas, was uns Deutschen naturgemäß leicht fällt, denn deutscher Humor ist legendär. Ich mach dann mal den Anfang mit dem folgenden, thematisch wunderbar passenden "Toll!"-Beitrag vom 27.10. (ZDF, Frontal21).
Sonntag, 25. Oktober 2009
Freitag, 23. Oktober 2009
Milch in Tüten
Für alle, die gestern "Popstars" gesehen haben: Auch wenn Hobbypsychologe D! in der Sendung behauptet hat, in der DDR hätte es Milch in Tüten gegeben: Das stimmt nicht!
Damals gab es nämlich gar keine Plastiktüten, denn sämtlicher Kunststoff ging ja für die drei Trabbis und die 200 FDJ-Hemden drauf, die jedes Jahr gebaut bzw. zusammengeschmolzen wurden. Und nachdem sich Papiertüten als Flüssigkeitsbehälter auf Dauer nicht wirklich durchsetzen konnten, wurde Milch nur noch lose abgegeben. Zu diesem Zweck machte der lokale LPG-Vorsitzende jeden Morgen mit einem Rudel rot angemalter Sowjetkühe seine Runde, die Milch wurde dabei dem Endverbraucher an der Haustür direkt aus der Kuh in sein Kaffeesurrogat gespritzt. Bezahlt wurde die Lieferung mit dem jeweiligen Gegenwert in Altpapier, wahlweise auch das gemeinschaftliche Absingen der ersten 2 Strophen von "Partisanen vom Amur".
Von den sozialistischen Bruderstaaten war diesbezüglich keine Hilfe zu erwarten, da dort ausschließlich vergorene Stutenmilch konsumiert wurde. Außer in Polen natürlich, dort wurde den Leuten weis gemacht, das dort als "Transparenz-Milch"(przejrzystość) angebotene Quellwasser sei Milch von Kühen mit Pigmentstörung.
West-Plastiktüten hingegen wurden auf dem DDR-Schwarzmarkt hoch gehandelt Eine Einkaufstüte mit dem "ALDI"-Schriftzug etwa gab es im Tausch für ungefähr einen halben Sack Zement, für eine ohne Löcher mußte man noch mal drei Glasbausteine oder eine kleine Kiste Kuba-Orangen drauflegen.
Nee, im Ernst: Milch in der Tüte war vermutlich eine der bescheuerteren Erfindungen des DDR-Mangelsystems und erinnert mich noch heute an den "Eine Flasche Pommes Frites"-Sketch von Dieter Hallervorden. Wobei die Landbevölkerung hier mal ausnahmsweise im Vorteil war, denn auf dem Land gab's Mehrweg-Milchflaschen. Schön dick und bauchig, ähnelten diese verblüffend den Milchflaschen, die die Milchmänner in amerikanischen Schwarz-Weiß-Filmen immer an die Haustür liefern.
Aber auch im "Westen" gab es ja wohl (heute kaum noch vorstellbar) ein Leben vor dem Tetra-Pak. Würde mich mal interessieren, in welchen Behältnissen hierzulande die Milch veräußert wurde.
Damals gab es nämlich gar keine Plastiktüten, denn sämtlicher Kunststoff ging ja für die drei Trabbis und die 200 FDJ-Hemden drauf, die jedes Jahr gebaut bzw. zusammengeschmolzen wurden. Und nachdem sich Papiertüten als Flüssigkeitsbehälter auf Dauer nicht wirklich durchsetzen konnten, wurde Milch nur noch lose abgegeben. Zu diesem Zweck machte der lokale LPG-Vorsitzende jeden Morgen mit einem Rudel rot angemalter Sowjetkühe seine Runde, die Milch wurde dabei dem Endverbraucher an der Haustür direkt aus der Kuh in sein Kaffeesurrogat gespritzt. Bezahlt wurde die Lieferung mit dem jeweiligen Gegenwert in Altpapier, wahlweise auch das gemeinschaftliche Absingen der ersten 2 Strophen von "Partisanen vom Amur".
Von den sozialistischen Bruderstaaten war diesbezüglich keine Hilfe zu erwarten, da dort ausschließlich vergorene Stutenmilch konsumiert wurde. Außer in Polen natürlich, dort wurde den Leuten weis gemacht, das dort als "Transparenz-Milch"(przejrzystość) angebotene Quellwasser sei Milch von Kühen mit Pigmentstörung.
West-Plastiktüten hingegen wurden auf dem DDR-Schwarzmarkt hoch gehandelt Eine Einkaufstüte mit dem "ALDI"-Schriftzug etwa gab es im Tausch für ungefähr einen halben Sack Zement, für eine ohne Löcher mußte man noch mal drei Glasbausteine oder eine kleine Kiste Kuba-Orangen drauflegen.
Nee, im Ernst: Milch in der Tüte war vermutlich eine der bescheuerteren Erfindungen des DDR-Mangelsystems und erinnert mich noch heute an den "Eine Flasche Pommes Frites"-Sketch von Dieter Hallervorden. Wobei die Landbevölkerung hier mal ausnahmsweise im Vorteil war, denn auf dem Land gab's Mehrweg-Milchflaschen. Schön dick und bauchig, ähnelten diese verblüffend den Milchflaschen, die die Milchmänner in amerikanischen Schwarz-Weiß-Filmen immer an die Haustür liefern.
Aber auch im "Westen" gab es ja wohl (heute kaum noch vorstellbar) ein Leben vor dem Tetra-Pak. Würde mich mal interessieren, in welchen Behältnissen hierzulande die Milch veräußert wurde.
Mittwoch, 21. Oktober 2009
Aufkleberitis
Gestern prangte mir von der Heckscheibe eines Ford Kombi folgende herzchenverschnörkelte Aufschrift entgegen "Wir haben uns getraut - Steffen und Juliane"
Was wetten wir, daß dieser spätpubertäre, pseudoromantische Kitsch nicht auf "Steffens" Mist gewachsen ist? Denn - nach dem Interieur des Wagens zu urteilen - ist er derjenige, der jeden Morgen damit zur Baustelle fahren und dort den Spott seiner Kollegen ertragen muß. Wie gut stehen die Chancen, daß sich die beiden in 3 Jahren bei "Britt" wiederfinden und sich dort von gegenüber liegenden Stehpulten aus anschreien?
Eigentlich fehlte da ja nur noch ein "Kevin an Bord"-Aufkleber direkt daneben. Gruselig.
Überhaupt: Hat einer von euch schon mal seinen Fahrstil geändert, weil im Wagen vor euch ein "Baby an Bord"-Sticker die Heckscheibe verzierte? So ein Aufkleber dient doch wieder nur als ein weiteres Medium, mit dessen Hilfe Eltern ihrer Umwelt den Stolz auf die bloße Existenz des kleinen Scheißers unter die Nase reiben. Der Erfinder dieses Stickers hat sich wahrscheinlich schon dumm und dusselig verdient, ohne daß seiner Kreation ein vernünftiger Mehrwert innewohnen würde. Denn obwohl der Text ja ein wenig diffus als Warnhinweis zu verstehen ist, fragt man sich doch, wovor hier eigentlich gewarnt wird. Bei "Atomsprengkopf an Bord" wäre die Sache klar. Aber so? Kein Autofahrer hat jemals auch nur einen lumpigen Zentimeter mehr Abstand zum Vordermann eingehalten, nur weil dieser ein Kind auf dem Rücksitz festgeschnallt hatte. Logischer wäre es doch, wenn der Kinderchauffeur selbst sich den Sticker in sein eigenes Sichtfeld pappen würde, als stumme Mahnung, vorsichtiger als sonst zu fahren, solange Junior sich hinten im Kindersitz Salzstangen in die Nüstern schiebt. Aber macht das einer? Natürlich nicht.
Allerdings seh ich diese und andere Autoaufkleber immer seltener. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Öffentlichmachung des Privaten Hochkonjunktur feiert, mag scheinbar niemand mehr der Welt seine Gesinnung von der Heckklappe seines Autos aus kundtun. Vorbei die Zeit, als noch an jedem zweiten Auto "Ein Herz für Kinder" klebte und an jeder Freizeit-Öko mit "Ich bremse auch für Tiere" den nachfolgenden Verkehr vor seinen riskanten Fahrmanövern warnte. Kaum ein Mercedesfahrer schmückt sein Fahrzeug heute noch mit der an einen auslaufenden Vogelschiß erinnernden Sylt-Silhouette. Kaum jemand pappt sich noch einen der topfdeckelgroßen "Heidepark Soltau" oder "Fantasialand"-Sticker auf's Heck. Nicht mal die BILD-Zeitung begleitet ihre Anti-irgendwas-Hetzkampagnen noch mit irgendwelchen schwachsinnigen Stickeraktionen.
Die goldene Zeit der Aufkleberitis scheint vorbei. Mag sein, daß sie in ein paar Provinz-Nischen noch im Verborgenen blüht. Dort, wo Menschen noch 80er-Jahre-Puschelfrisuren zur Stonewash-Jeans tragen, Mantawitze erzählen und bei Wolle Petry, Patrick Swayzee und Samantha Fox ins Schwärmen kommen. Ansonsten war's das.
Kann sich noch jemand daran erinnern, daß sich vor 20 Jahren Menschen schwachsinnige Aufkleber von Radiosendern ans Gefährt geklatscht haben, in der Hoffnung, von einem Außenteam des Senders damit entdeckt zu werden und 100 DM zu gewinnen.*
Eine Zeitlang war das Bepflastern seines fahrbaren Untersatzes mit vermeintlich witzigen Botschaften unabdingbare Pflicht eines jedenProvinzjugendlichen, der sich echtes Tuning nicht leisten konnte. Ich kann mich an Rostlauben erinnern, die nur noch von Aufklebern zusammen gehalten wurden. Vermutlich ist uns hier wieder mal unbemerkt ein Stück Alltagskultur verloren gegangen, obwohl man über den Wert dieses Verlustes natürlich geteilter Meinung sein kann. Nur eins steht dabei zweifelsfrei fest: boulevardmagazintauglicher Schmus wie "Wir haben uns getraut" aus dem Kai-Pflaume-Plattitüden-Lexikon ist einfach kein adäquater Ersatz.
Die einzigen, die heute noch die Fahne der Aufkleberfetischisten hochhalten, sind Trucker, Christen und Vignettensammler. Erstere wissen seit Jahr und Tag mit allerlei schmerzfreien "Meiner ist 10 Meter lang"-Messages zu begeistern und lassen die nur mäßig daran interessierte Welt per Blechschild wissen, daß sie Hotte, Manni oder Klaus heißen. Christliche Mitbürger dagegen protzen lieber mitder Länge ihres Fisches ihrem Fischaufkleber; ich dachte tatsächlich jahrelang, der Deutsche Anglerverband wär die Verein mit der höchsten Mitgliederzahl in Deutschland.
Am schlimmsten sind aber die Vignettensammler, die ihre Frontscheiben mit bunt schillernden Maut-Vignetten, Fähr- und Campingplatz-Gebührenmarken zukleistern, daß sie kaum noch herausschauen können. Diese besondere Art von Exhibitionismus dient ausschließlich der Zurschaustellung vermeintlich touristischer Abenteuerlust, als würde die Sammlung österreichischer Maut-"Papperl" der letzten dreißig Jahre für irgend etwas anderes sprechen als für die sterbenslangweilige, kleinbürgerliche Berechenbarkeit des jeweiligen Fahrzeughalters.
*) Aus ähnlichen Gründen haben sich damals Leute allen Ernstes am Telefon bei jedem Anruf (Anruferkennung gab's noch nicht) mit "DreiundachtzigKommaFünf- das beste Radio im Norden" gemeldet, im festen Glauben daran, daß irgendein Radiomoderator bei ihnen anrufen würde. Zu gewinnen gab's dann in der Regel einen selbstgehäkelten Topflappen mit Senderlogo.
Was wetten wir, daß dieser spätpubertäre, pseudoromantische Kitsch nicht auf "Steffens" Mist gewachsen ist? Denn - nach dem Interieur des Wagens zu urteilen - ist er derjenige, der jeden Morgen damit zur Baustelle fahren und dort den Spott seiner Kollegen ertragen muß. Wie gut stehen die Chancen, daß sich die beiden in 3 Jahren bei "Britt" wiederfinden und sich dort von gegenüber liegenden Stehpulten aus anschreien?
Eigentlich fehlte da ja nur noch ein "Kevin an Bord"-Aufkleber direkt daneben. Gruselig.
Überhaupt: Hat einer von euch schon mal seinen Fahrstil geändert, weil im Wagen vor euch ein "Baby an Bord"-Sticker die Heckscheibe verzierte? So ein Aufkleber dient doch wieder nur als ein weiteres Medium, mit dessen Hilfe Eltern ihrer Umwelt den Stolz auf die bloße Existenz des kleinen Scheißers unter die Nase reiben. Der Erfinder dieses Stickers hat sich wahrscheinlich schon dumm und dusselig verdient, ohne daß seiner Kreation ein vernünftiger Mehrwert innewohnen würde. Denn obwohl der Text ja ein wenig diffus als Warnhinweis zu verstehen ist, fragt man sich doch, wovor hier eigentlich gewarnt wird. Bei "Atomsprengkopf an Bord" wäre die Sache klar. Aber so? Kein Autofahrer hat jemals auch nur einen lumpigen Zentimeter mehr Abstand zum Vordermann eingehalten, nur weil dieser ein Kind auf dem Rücksitz festgeschnallt hatte. Logischer wäre es doch, wenn der Kinderchauffeur selbst sich den Sticker in sein eigenes Sichtfeld pappen würde, als stumme Mahnung, vorsichtiger als sonst zu fahren, solange Junior sich hinten im Kindersitz Salzstangen in die Nüstern schiebt. Aber macht das einer? Natürlich nicht.
Allerdings seh ich diese und andere Autoaufkleber immer seltener. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Öffentlichmachung des Privaten Hochkonjunktur feiert, mag scheinbar niemand mehr der Welt seine Gesinnung von der Heckklappe seines Autos aus kundtun. Vorbei die Zeit, als noch an jedem zweiten Auto "Ein Herz für Kinder" klebte und an jeder Freizeit-Öko mit "Ich bremse auch für Tiere" den nachfolgenden Verkehr vor seinen riskanten Fahrmanövern warnte. Kaum ein Mercedesfahrer schmückt sein Fahrzeug heute noch mit der an einen auslaufenden Vogelschiß erinnernden Sylt-Silhouette. Kaum jemand pappt sich noch einen der topfdeckelgroßen "Heidepark Soltau" oder "Fantasialand"-Sticker auf's Heck. Nicht mal die BILD-Zeitung begleitet ihre Anti-irgendwas-Hetzkampagnen noch mit irgendwelchen schwachsinnigen Stickeraktionen.
Die goldene Zeit der Aufkleberitis scheint vorbei. Mag sein, daß sie in ein paar Provinz-Nischen noch im Verborgenen blüht. Dort, wo Menschen noch 80er-Jahre-Puschelfrisuren zur Stonewash-Jeans tragen, Mantawitze erzählen und bei Wolle Petry, Patrick Swayzee und Samantha Fox ins Schwärmen kommen. Ansonsten war's das.
Kann sich noch jemand daran erinnern, daß sich vor 20 Jahren Menschen schwachsinnige Aufkleber von Radiosendern ans Gefährt geklatscht haben, in der Hoffnung, von einem Außenteam des Senders damit entdeckt zu werden und 100 DM zu gewinnen.*
Eine Zeitlang war das Bepflastern seines fahrbaren Untersatzes mit vermeintlich witzigen Botschaften unabdingbare Pflicht eines jedenProvinzjugendlichen, der sich echtes Tuning nicht leisten konnte. Ich kann mich an Rostlauben erinnern, die nur noch von Aufklebern zusammen gehalten wurden. Vermutlich ist uns hier wieder mal unbemerkt ein Stück Alltagskultur verloren gegangen, obwohl man über den Wert dieses Verlustes natürlich geteilter Meinung sein kann. Nur eins steht dabei zweifelsfrei fest: boulevardmagazintauglicher Schmus wie "Wir haben uns getraut" aus dem Kai-Pflaume-Plattitüden-Lexikon ist einfach kein adäquater Ersatz.
Die einzigen, die heute noch die Fahne der Aufkleberfetischisten hochhalten, sind Trucker, Christen und Vignettensammler. Erstere wissen seit Jahr und Tag mit allerlei schmerzfreien "Meiner ist 10 Meter lang"-Messages zu begeistern und lassen die nur mäßig daran interessierte Welt per Blechschild wissen, daß sie Hotte, Manni oder Klaus heißen. Christliche Mitbürger dagegen protzen lieber mit
Am schlimmsten sind aber die Vignettensammler, die ihre Frontscheiben mit bunt schillernden Maut-Vignetten, Fähr- und Campingplatz-Gebührenmarken zukleistern, daß sie kaum noch herausschauen können. Diese besondere Art von Exhibitionismus dient ausschließlich der Zurschaustellung vermeintlich touristischer Abenteuerlust, als würde die Sammlung österreichischer Maut-"Papperl" der letzten dreißig Jahre für irgend etwas anderes sprechen als für die sterbenslangweilige, kleinbürgerliche Berechenbarkeit des jeweiligen Fahrzeughalters.
*) Aus ähnlichen Gründen haben sich damals Leute allen Ernstes am Telefon bei jedem Anruf (Anruferkennung gab's noch nicht) mit "DreiundachtzigKommaFünf- das beste Radio im Norden" gemeldet, im festen Glauben daran, daß irgendein Radiomoderator bei ihnen anrufen würde. Zu gewinnen gab's dann in der Regel einen selbstgehäkelten Topflappen mit Senderlogo.
Samstag, 17. Oktober 2009
Warum sich "Henkel" auf "Senkel" reimt
Der Michel ist nicht eben ein Freund neokonservativer, wirtschaftsliberaler Positionen. Grund dafür ist hauptsächlich die (a)soziale Kaltschnäuzigkeit, die diese Wirtschaftsauffassung begleitet. In meiner Auffassung haben Unternehmen neben ihrem wirtschaftlichen Selbstzweck, Gewinne zu erzielen, auch eine sozialethische Verantwortung innerhalb einer Volkswirtschaft. Diese beschränkt sich nicht nur darauf, Gehälter und Steuern zu zahlen, sondern beinhaltet auch die Pflege und Stärkung des Gemeinwohls. Schon Spidermans Onkel Ben wußte: "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung."
Das fängt schon damit an, daß Unternehmer, Geschäftsführer und Aufsichtsräte nicht vergessen, daß die Beschäftigten mehr sind als Kostenstellen, Kostenverursacher und "Humanressourcen", sondern Menschen, die gleichsam Kapital und Potential eines Unternehmens darstellen. Menschen, die Familien haben, die schlafen und essen müssen, die nach Anerkennung und Bestätigung im Job suchen. Menschen, die nicht zuletzt auch Konsumenten sind.
Leider haben viele "Chefs" das vergessen, interessant und vielfach bestätigt nachzulesen z.B. in "Rache am Chef" von Susanne Reinker. Vielleicht plaudert auch der Michel mal zu gegebener Zeit zu diesem Thema noch etwas aus dem Nähkästchen...
Ein Vertreter der Wirtschaftliberalen, dem ich in herzlicher Abneigung verbunden bin und der immer wieder in Talkshows auftauchen darf, um dort mit knarzigem, hanseatischem Zungenschlag seine Thesen in die Welt hinaus zu posaunen, ist Hans-Olaf Henkel. So auch diese Woche bei Maybrit Illner im ZDF, Thema "Wer nicht spurt, fliegt raus". Henkel war auch diesmal wieder angetreten, das ewige Mantra vom bösen Kündigungsschutz anzustimmen. Seine These, frei und grob zusammengefaßt: "Die deutschen Kündigungsschutzregelungen verhindern Neueinstellungen, weil Arbeitgeber Angst davor haben, einmal eingestellte Mitarbeiter nie wieder loszuwerden. Andere Länder haben viele weniger oder keine Regelungen, und denen geht es deshalb x-fach besser als uns." Beispielgebend nannte er dafür u.a. Dänemark und Schweiz, die wahre Inseln der Glücksseligkeit sein müssen, und berief sich dabei offenbar auf diesen Bericht einer BDA*-Kommission. Danach führt der liberale dänische Kündigungsschutz dazu, daß Arbeitsplätze sicherer sind, Arbeitslose im Durchschnitt nach 4 Wochen einen neuen Job finden und viel, viel glücklicher sind als die Deutschen.
Unabhängig davon, daß man bei zwei verschiedenen Volkswirtschaften meist Äpfel mit Birnen vergleicht, hat der Herr Henkel mit dieser Momentaufnahme zunächst erst einmal Recht. Leider unterschlägt er dabei, daß z.B.
- dänische Kündigungsschutzregelungen eine lange Tradition haben (genau wie deutsche) und auch schon in annähernd gleicher Form Bestand hatten, als es Dänemark noch weit nicht so gut ging wie heute,
- der Kündigungsschutz durchaus umfassenden Regularien unterliegt, nur sind diese eben nicht staatlich, sondern tarifvertraglich festgelegt, auch dies hat historische Gründe,
- eine Vielzahl von Reformen des dänischen Arbeitsmarktes zu den gepriesenen Verhältnissen geführt hat und mitnichten in gravierender Form auf den liberalen Kündigungsschutz zurückzuführen sind,
- es bei einer Arbeitslosenquote von 2,9% selbstverständlich viel einfacher ist, einen neuen Job zu finden. Zudem beträgt in Dänemark das Arbeitslosengeld bis zu 90% des letzten Einkommens. Dafür investieren die Dänen auch viel in Qualifizierungs- und Arbeitsvermittlungsmaßnahmen, zum Preis höherer Steuern. Hohe Steuern - ein anderes rotes Tuch der Wirtschaftliberalen.
Nachzulesen ist das nicht nur hier, sondern auch hier. Sogar der recht tendenziöse BDA-Bericht kommt letztlich zu dem Schluß, daß sich das Modell Dänemark nicht einfach auf deutsche Verhältnisse übertragen läßt.
Selbstverständlich blieben die Thesen von Herrn Henkel nicht unwidersprochen. Nicht nur, daß sich ein Unternehmer zu Wort meldete, der bestätigte, daß die heutigen Möglichkeiten von Probezeit, befristeten Verträgen, Saisonkräften usw. bereits völlig ausreichten, um genügend Flexibilität zu gewährleisten. Günter Wallraff ging noch weitzer und stellte fest, daß der Kündigungsschutz durch Niedriglohn-Beschäftigungsverhältnisse, unbezahltes Praktikantentum usw ohnehin schon soweit aufgeweicht sei, daß es immer weniger sichere Vollzeitjobs gäbe. Seinen weiteren Ausführungen, daß es z.B in Skandinavien höhere Löhne gäbe, widersprach Henkel vehement**. Dies gipfelte schließlich in der reichlich arroganten Zurechtweisung Henkels, Wallraff solle doch bei seinen Leisten bleiben, er hätte zwar Ahnung davon, sich zu verkleiden, aber keine von Wirtschaft.
Nun kann man ja von Wallraff halten, was man will, aber der Mann geht dahin, wo's weh tut. Dies erwiderte er dann sinngemäß auch und bescheinigte wiederum Henkel, daß dieser von seinem Chefsessel aus den Blick für die Realität der Arbeitnehmer verloren habe. Daraufhin entblödete sich Henkel tatsächlich nicht sich damit zu brüsten, er habe sein Leben lang in Betrieben gearbeitet und als Lehrling mit 56 Mark angefangen.
Leisten wir uns einen Blick in die Biographie Henkels bei wikipedia.de. Geboren 1940, dürfte er seine Lehre ungefähr 1956 absolviert haben, nur, um mal die Relationen zu verdeutlichen. Damals waren 56 Mark zwar auch kein Vermögen, sechs Jahre später aber saß Henkel bereits bei IBM im Management, und von da an ging es stetig Berg auf. Meinen Respekt, wenn er sich stetig und mit Fleiß hochgearbeitet hat. Aber er möge doch bitte nicht behaupten, er wisse, wie sich heute die Lebensrealitäten "an der Basis" gestalten. Der Mann sitzt heute in sieben verschiedenen Aufsichtsräten! Da fragt man sich doch unwillkürlich, was man als Aufsichtsrat eigentlich den ganzen Tag so für sein Geld tut...
Wie auch immer: Die sympathische Frau Illner wäre gut beraten, wenn sie die in ihrer Sendung geäußerten Behauptungen ebenfalls einem "Faktencheck" á la "Hart, aber fair" unterziehen würde. Nur so trägt eine Talkshow auch zur objektiven Meinungsbildung bei und verharrt im Zweifel nicht auf der am glaubwürdigsten vorgetragenen Halbwahrheit.
Den Vogel hat aber eine Wortmeldung im Forum von telepolis.de abgeschossen. Im Anschluß an einen Beitrag zur gleichen Talksendung heißt es dort: "Wenn der Kündigungsschutz zuverlässig dafür sorgt, dass Chefs ihren Angestellten nachstellen müssen um ihnen irgendwelche Bagatelldelikte vorwerfen zu können, damit sie dann entlassen werden dürfen, dann ist das schlicht asozial." Mit anderen Worten: Wer seine Haustür abschließt, ist Schuld daran, daß sich Einbrecher andere Wege in die Wohnung suchen müssen.
Da hat wohl jemand die Zusammenhänge nicht wirklich verstanden.
Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollte ein Arbeitgeber, der sich bei der Einstellung eines Mitarbeiters bereits Gedanken darüber macht, wie er den Neueingestellten schnell wieder los wird, den Job vielleicht jemand anderem überlassen.
Wer sich im übrigen noch weiter für das Thema "Pro und Contra Kündigungsschutz und Liberalisierung" interessiert, dem sei folgende Arbeit der Hans-Böckler-Stiftung empfohlen, Titel "Die Beendigung von Arbeitsverhältnissen - Wahrnehmung und Wirklichkeit". Hier werden die Argumente der Liberalisierer einmal einer kritischen Analyse unterzogen.
*) BDA = Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
**) Zu Unrecht. Wahr ist, daß Deutschland in puncto Lohnentwicklung und Reallöhnen sogar dem restlichen Euopa hinterherhinkt.
Das fängt schon damit an, daß Unternehmer, Geschäftsführer und Aufsichtsräte nicht vergessen, daß die Beschäftigten mehr sind als Kostenstellen, Kostenverursacher und "Humanressourcen", sondern Menschen, die gleichsam Kapital und Potential eines Unternehmens darstellen. Menschen, die Familien haben, die schlafen und essen müssen, die nach Anerkennung und Bestätigung im Job suchen. Menschen, die nicht zuletzt auch Konsumenten sind.
Leider haben viele "Chefs" das vergessen, interessant und vielfach bestätigt nachzulesen z.B. in "Rache am Chef" von Susanne Reinker. Vielleicht plaudert auch der Michel mal zu gegebener Zeit zu diesem Thema noch etwas aus dem Nähkästchen...
Ein Vertreter der Wirtschaftliberalen, dem ich in herzlicher Abneigung verbunden bin und der immer wieder in Talkshows auftauchen darf, um dort mit knarzigem, hanseatischem Zungenschlag seine Thesen in die Welt hinaus zu posaunen, ist Hans-Olaf Henkel. So auch diese Woche bei Maybrit Illner im ZDF, Thema "Wer nicht spurt, fliegt raus". Henkel war auch diesmal wieder angetreten, das ewige Mantra vom bösen Kündigungsschutz anzustimmen. Seine These, frei und grob zusammengefaßt: "Die deutschen Kündigungsschutzregelungen verhindern Neueinstellungen, weil Arbeitgeber Angst davor haben, einmal eingestellte Mitarbeiter nie wieder loszuwerden. Andere Länder haben viele weniger oder keine Regelungen, und denen geht es deshalb x-fach besser als uns." Beispielgebend nannte er dafür u.a. Dänemark und Schweiz, die wahre Inseln der Glücksseligkeit sein müssen, und berief sich dabei offenbar auf diesen Bericht einer BDA*-Kommission. Danach führt der liberale dänische Kündigungsschutz dazu, daß Arbeitsplätze sicherer sind, Arbeitslose im Durchschnitt nach 4 Wochen einen neuen Job finden und viel, viel glücklicher sind als die Deutschen.
Unabhängig davon, daß man bei zwei verschiedenen Volkswirtschaften meist Äpfel mit Birnen vergleicht, hat der Herr Henkel mit dieser Momentaufnahme zunächst erst einmal Recht. Leider unterschlägt er dabei, daß z.B.
- dänische Kündigungsschutzregelungen eine lange Tradition haben (genau wie deutsche) und auch schon in annähernd gleicher Form Bestand hatten, als es Dänemark noch weit nicht so gut ging wie heute,
- der Kündigungsschutz durchaus umfassenden Regularien unterliegt, nur sind diese eben nicht staatlich, sondern tarifvertraglich festgelegt, auch dies hat historische Gründe,
- eine Vielzahl von Reformen des dänischen Arbeitsmarktes zu den gepriesenen Verhältnissen geführt hat und mitnichten in gravierender Form auf den liberalen Kündigungsschutz zurückzuführen sind,
- es bei einer Arbeitslosenquote von 2,9% selbstverständlich viel einfacher ist, einen neuen Job zu finden. Zudem beträgt in Dänemark das Arbeitslosengeld bis zu 90% des letzten Einkommens. Dafür investieren die Dänen auch viel in Qualifizierungs- und Arbeitsvermittlungsmaßnahmen, zum Preis höherer Steuern. Hohe Steuern - ein anderes rotes Tuch der Wirtschaftliberalen.
Nachzulesen ist das nicht nur hier, sondern auch hier. Sogar der recht tendenziöse BDA-Bericht kommt letztlich zu dem Schluß, daß sich das Modell Dänemark nicht einfach auf deutsche Verhältnisse übertragen läßt.
Selbstverständlich blieben die Thesen von Herrn Henkel nicht unwidersprochen. Nicht nur, daß sich ein Unternehmer zu Wort meldete, der bestätigte, daß die heutigen Möglichkeiten von Probezeit, befristeten Verträgen, Saisonkräften usw. bereits völlig ausreichten, um genügend Flexibilität zu gewährleisten. Günter Wallraff ging noch weitzer und stellte fest, daß der Kündigungsschutz durch Niedriglohn-Beschäftigungsverhältnisse, unbezahltes Praktikantentum usw ohnehin schon soweit aufgeweicht sei, daß es immer weniger sichere Vollzeitjobs gäbe. Seinen weiteren Ausführungen, daß es z.B in Skandinavien höhere Löhne gäbe, widersprach Henkel vehement**. Dies gipfelte schließlich in der reichlich arroganten Zurechtweisung Henkels, Wallraff solle doch bei seinen Leisten bleiben, er hätte zwar Ahnung davon, sich zu verkleiden, aber keine von Wirtschaft.
Nun kann man ja von Wallraff halten, was man will, aber der Mann geht dahin, wo's weh tut. Dies erwiderte er dann sinngemäß auch und bescheinigte wiederum Henkel, daß dieser von seinem Chefsessel aus den Blick für die Realität der Arbeitnehmer verloren habe. Daraufhin entblödete sich Henkel tatsächlich nicht sich damit zu brüsten, er habe sein Leben lang in Betrieben gearbeitet und als Lehrling mit 56 Mark angefangen.
Leisten wir uns einen Blick in die Biographie Henkels bei wikipedia.de. Geboren 1940, dürfte er seine Lehre ungefähr 1956 absolviert haben, nur, um mal die Relationen zu verdeutlichen. Damals waren 56 Mark zwar auch kein Vermögen, sechs Jahre später aber saß Henkel bereits bei IBM im Management, und von da an ging es stetig Berg auf. Meinen Respekt, wenn er sich stetig und mit Fleiß hochgearbeitet hat. Aber er möge doch bitte nicht behaupten, er wisse, wie sich heute die Lebensrealitäten "an der Basis" gestalten. Der Mann sitzt heute in sieben verschiedenen Aufsichtsräten! Da fragt man sich doch unwillkürlich, was man als Aufsichtsrat eigentlich den ganzen Tag so für sein Geld tut...
Wie auch immer: Die sympathische Frau Illner wäre gut beraten, wenn sie die in ihrer Sendung geäußerten Behauptungen ebenfalls einem "Faktencheck" á la "Hart, aber fair" unterziehen würde. Nur so trägt eine Talkshow auch zur objektiven Meinungsbildung bei und verharrt im Zweifel nicht auf der am glaubwürdigsten vorgetragenen Halbwahrheit.
Den Vogel hat aber eine Wortmeldung im Forum von telepolis.de abgeschossen. Im Anschluß an einen Beitrag zur gleichen Talksendung heißt es dort: "Wenn der Kündigungsschutz zuverlässig dafür sorgt, dass Chefs ihren Angestellten nachstellen müssen um ihnen irgendwelche Bagatelldelikte vorwerfen zu können, damit sie dann entlassen werden dürfen, dann ist das schlicht asozial." Mit anderen Worten: Wer seine Haustür abschließt, ist Schuld daran, daß sich Einbrecher andere Wege in die Wohnung suchen müssen.
Da hat wohl jemand die Zusammenhänge nicht wirklich verstanden.
Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollte ein Arbeitgeber, der sich bei der Einstellung eines Mitarbeiters bereits Gedanken darüber macht, wie er den Neueingestellten schnell wieder los wird, den Job vielleicht jemand anderem überlassen.
Wer sich im übrigen noch weiter für das Thema "Pro und Contra Kündigungsschutz und Liberalisierung" interessiert, dem sei folgende Arbeit der Hans-Böckler-Stiftung empfohlen, Titel "Die Beendigung von Arbeitsverhältnissen - Wahrnehmung und Wirklichkeit". Hier werden die Argumente der Liberalisierer einmal einer kritischen Analyse unterzogen.
*) BDA = Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
**) Zu Unrecht. Wahr ist, daß Deutschland in puncto Lohnentwicklung und Reallöhnen sogar dem restlichen Euopa hinterherhinkt.
Donnerstag, 15. Oktober 2009
Sorry, Grüne,
... ihr seid doch nicht die einzigen Umweltverschmutzer. Die Republikaner haben ihr Altpapier auch hängen lassen. Vermutlich waren nach der Wahl nicht mehr genug Mitglieder übrig, um all den Müll wieder einzusammeln.
Überhaupt: "Raus aus dieser EU!" Abgesehen von dem enormen Interpretationsspielraum des Statements: Wie realistisch ist das denn? Glauben die den Schwachsinn eigentlich selbst, den sie so verzapfen? Wer soll denn auf so was hereinfallen?
Überhaupt: "Raus aus dieser EU!" Abgesehen von dem enormen Interpretationsspielraum des Statements: Wie realistisch ist das denn? Glauben die den Schwachsinn eigentlich selbst, den sie so verzapfen? Wer soll denn auf so was hereinfallen?
Sonntag, 11. Oktober 2009
Fundstück der Woche
Der Haka. Hab ich schon x-mal in zig Varianten gesehen, und schau ihn mir trotzdem immer wieder gerne an.
Ich würde gegen diese Jungs nicht spielen wollen... nicht mal Schach.
Ich würde gegen diese Jungs nicht spielen wollen... nicht mal Schach.
Samstag, 10. Oktober 2009
Also wirklich, Grüne,..
...ihr seid die einzigen (!), von denen in unserer Nachbarschaft noch ein Wahlplakat rumsteht.
Alle anderen Parteien haben ihren abgabenfinanzierten Propagandaschrott bereits wieder aufgesammelt.
Ausgerechnet ihr, die Partei der Abfallrecycler und Windkraftkompostierer, laßt euren Müll mitten in der Stadt herumstehen. Kann natürlich sein, daß eure Slogans auf biologisch abbaubarem Jutepergament gedruckt wurden. Aber muß der biologische Auflösungsprozeß deswegen auch gleich vor aller Augen stattfinden?
PS: Noch mehr als die Grünen als Umweltsünder hat mich persönlich eine ganz andere Partei überrascht. Ich wurde nämlich Zeuge, wie kurz vor der Wahl ein junger Mann mit Plakaten unterm Arm auf unfaßbar tuckige Art und Weise den Bürgersteig entlangwackelte. (Und wenn ich "tuckig" schreibe, dann meine ich nicht Thomas-Herrmanns-tuckig, sondern unverwechselbar Brüno-tuckig.) Während ich noch rätselte, für wen dieser Östrogenstift wohl Plakate aufhängt, faltete er schon eines auseinander. Man stelle sich meine Überraschung vor, als dort ein NPD-Wahlaufruf zum Vorschein kam, "Arbeit macht deutsch" oder so ähnlich. Ein im wahrsten Sinne des Wortes "Freund des braunen Salons" (Zitat Stromberg), auf die ein oder andere Art und Weise.
Da war ich dann wirklich platt...
Alle anderen Parteien haben ihren abgabenfinanzierten Propagandaschrott bereits wieder aufgesammelt.
Ausgerechnet ihr, die Partei der Abfallrecycler und Windkraftkompostierer, laßt euren Müll mitten in der Stadt herumstehen. Kann natürlich sein, daß eure Slogans auf biologisch abbaubarem Jutepergament gedruckt wurden. Aber muß der biologische Auflösungsprozeß deswegen auch gleich vor aller Augen stattfinden?
PS: Noch mehr als die Grünen als Umweltsünder hat mich persönlich eine ganz andere Partei überrascht. Ich wurde nämlich Zeuge, wie kurz vor der Wahl ein junger Mann mit Plakaten unterm Arm auf unfaßbar tuckige Art und Weise den Bürgersteig entlangwackelte. (Und wenn ich "tuckig" schreibe, dann meine ich nicht Thomas-Herrmanns-tuckig, sondern unverwechselbar Brüno-tuckig.) Während ich noch rätselte, für wen dieser Östrogenstift wohl Plakate aufhängt, faltete er schon eines auseinander. Man stelle sich meine Überraschung vor, als dort ein NPD-Wahlaufruf zum Vorschein kam, "Arbeit macht deutsch" oder so ähnlich. Ein im wahrsten Sinne des Wortes "Freund des braunen Salons" (Zitat Stromberg), auf die ein oder andere Art und Weise.
Da war ich dann wirklich platt...
Mittwoch, 7. Oktober 2009
Leer gsuffa!
Nach all den ganzen Schreckensmeldungen der letzten Tage gibt es endlich auch mal wieder etwas positives zu vermelden: Die Wiesn ist endlich vorbei. Oder, für Nordlichter: Das Oktoberfest.
Daß der Michel kein großer Freund der Wiesn ist, dürften aufmerksame Leser ja bereits mitbekommen haben.
Der Grund dafür ist schnell erklärt: Ich mag keine Events, bei denen es primär darum geht, daß sich Massen von Menschen möglichst schnell möglichst viel Alkohol in die Denkblase zu schütten. Nun ist es mir ja herzlich egal, auf welche Art und Weise jemand seine Synapsen um die Ecke bringt, solange er mich nicht an den Auswüchsen seines Tuns teilhaben läßt. Letzteres tut aber der durchschnittliche Oktoberfestbesucher, wie man sich entweder live vor Ort oder in einer der zahlreichen TV-Reportagen überzeugen kann. Bzw. seit diesem Jahr nicht mehr kann, denn die Wiesnwirte haben qua Hausrecht Negativ-Berichterstattung untersagt.
So torkeln, pinkeln und grabschen sich jedes Jahr ganze Hundertschaften berauschter Drogenopfer quer durch das größte Dorf, Deutsche und Touristen, Teenies und Rentner, Lederbehoste oder ganz normale Irre. Rund um die Theresienwiese riecht es auch eine Woche nach Beendigung des Massendeliriums in allen Ecken nach Urin und Erbrochenem. Es sei denn, eine gnädige Regenfront spült das Elend vorfristig in die Kanalisation.
Spaß macht das Oktoberfest eigentlich nur Hardcore-Fans (von denen es allerdings eine Menge gibt) und Touristen. Letztere sind dabei beinah gezwungen, die Fun-Schraube bis zum Anschlag zu drehen. Schließlich haben nicht wenige von ihnen ein ganzes Jahr darauf gespart, um sich die weite Reise nach München und die erheblichen Kosten, die ein Wiesn-Besuch nun mal so mit sich bringt, überhaupt leisten zu können. Und jedes Jahr bezahlen ein paar von ihnen mit dem Leben, weil sie im Vollsuff vor die S-Bahn gelatscht oder in einem vermeintlich harmlosen Seitenarm der Isar ersoffen sind. Den Vogel hat in diesem Jahr ein Brite abgeschossen, der beim Aus-dem-Fenster-Pinkeln aus dem sechsten Stock seines Hotel gestürzt war und morgens tot mit heruntergelassener Hose im Hinterhof lag. Was für eine grotesk beschissene Art abzutreten, anders kann man das leider nicht ausdrücken.
Wiesn-Fans führen dazu immer ins Feld, daß das ganze ja ein "Volksfest" sei, daß man ja nicht trinken "müsse" usw.
Alles völliger Quatsch. Was am Anfang mal ein Pferderennen war, ist heute eines der größten Massenbesäufnisse der Welt, wenn nicht das größte. Sicher: Es gibt die Fahrgeschäftstraße, wo Besucher in diversen Höllenmaschinen die Belastbarkeit ihres Verdauungstrakts testen, unschuldige Plasteröhrchen erschießen und alberne Hüte kaufen können. Nur täuschen diese ganzen Attraktionen nichtdarüber hinweg, daß sich in erster Linie alles um die Vernichtung des extra für das Fest gebrauten, flüssigen Brotes dreht. Das beginnt mit dem sich jährlich im Vorfeld der Wiesn wiederholenden empörten Lamento über den gestiegenen Preis für eine Maß (für die volksfestrelevanten Preise für eine Runde auf dem Riesenrad interessiert sich kein Aas) und endet nach der Wiesn mit den lauthals hinausposaunten Rekordverkaufszahlen für Bier, Hendl und Brezn.
Und seien wir mal ehrlich: Die ganzen Italiener, Australier, Amerikaner und anderen Touris fahren und fliegen doch nicht Tausende Kilometer, um mal wieder richtig Kettenkarussell zu fahren, oder? Wie heißen die Wiesn im anglophonen Ausland doch gleich noch, "Bierfest"?
'Na, Michel, alter Miesmacher', werdet ihr jetzt sagen,'wenn doch alles so schrecklich ist, warum fahren dann jedes Jahr so viele Leute dorthin und haben auch noch Spaß dabei?'
Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Es muß wohl etwas Großartiges sein, den Daheimgebliebenen zu erzählen, daß man "auf der Wiesn" war. Dabeisein ist alles. Auch wenn man eigentlich nichts anderes gemacht hat, als sich für ein Heidengeld ins Koma zu saufen und anschließend die Nacht schnarchend in einem Buswartehäuschen verbracht hat, Arm in Arm mit einem Hafenarbeiter aus Palermo. Zumindest hat man zuhause etwas zu erzählen - wenn man sich traut und die peinlichen Geschichten erst auspackt, wenn die Kinder im Bett sind. Offenbar haben eine Menge Menschen Freude daran, sich und ihresgleichen beim Degenerieren zuzuschauen, denn anders sind die Verhältnisse in einem der riesigen Bierzelte nicht zu ertragen. Zum unterhalten ist es zu laut, zum tanzen zu eng, und auch die infantilen Wiesn-Hits mag man erst so richtig herzhaft mitgröhlen, wenn man sich schon ordentlich einen unter die Fontanelle gezwiebelt hat. Man hat nur eine Wahl: entweder man markiert den Spielverderber und verschwindet fluchtartig, oder man schnappt sich eine Maß Bier (auf's Wechselgeld verzichtet man besser gleich, sonst gibt's keine zweite), stellt sich auf den Tisch und brüllt der hackenstrammen Dirndlträgerin nebenan "Ein Prooosit, ein Pro-ho-sit..." in den Ausschnitt. Schüchterne Akademiker verwandeln sich unter Bierzelt-Bedingungen innerhalb von dreißig Minuten in grunzende Primaten, was unter anthropologischen Gesichtspunkten zumindest faszinierend mit anzuschauen ist. Haben muß ich es trotzdem nicht, der tatsächliche Unterhaltungswert ist dann doch eher fragwürdig.
Warum also pilgern trotzdem jedes Jahr Millionen von Leuten zum Oktoberfest?
Wegen der Fahrgeschäfte wohl kaum. Die sind zwar groß und mannigfaltig, stehen aber dieselben Schausteller auf einem stinknormalen Rummelplatz, sind ihre Geschäfte eher mau besucht.
Wegen des Biers? Das ist zwar stark und süffig, aber auch unverschämt teuer. Man könnte selbiges also ohne weiteres auch gemütlich im Biergarten genießen.
Wegen der weltberühmten "Gemütlichkeit"? Wer das behauptet, hat sich vermutlich noch nie mit 5000 schwitzenden, krakeelenden Zechern ein verqualmtes Bierzelt geteilt.
Wegen der enormen Verfügbarkeit äthylisch enthemmter Sexualpartner? Schon eher. Nichts dürfte jemanden, der sonst nie "eine(n) abkriegt", derartig elektrisieren wie die Entdeckung, daß es auf der Wiesn jede Menge paarungswillige Freudenspender(innen) gibt, die mit dem "Sich-jemanden-schön-saufen" schon mal angefangen haben, ohne daß man selbst dafür löhnen mußte. Obwohl es durchaus seine Schattenseiten hat, wenn der jeweilige One-Night-Stand während des Geschlechtsakts in die Yucca-Palme kotzt, nur weil ihm oder ihr von dem Herumgeruckel übel geworden ist. Und jeden Morgen neben einer neuen Vogelscheuche aufzuwachen verliert in nüchternem Zustand auch schnell seinen Reiz. Zumindest findet man so aber schnell einen Grund, um weiterzusaufen.
Vermutlich ist es ein bißchen von allem, was den Flair des Oktoberfestes ausmacht. Nix für den Michel. Mir reicht es schon, wenn ich wegen der dauernden Verspätungen zur Wiesnzeit jedes Mal eine U-Bahn früher nehmen muß, um pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen.
Daß der Michel kein großer Freund der Wiesn ist, dürften aufmerksame Leser ja bereits mitbekommen haben.
Der Grund dafür ist schnell erklärt: Ich mag keine Events, bei denen es primär darum geht, daß sich Massen von Menschen möglichst schnell möglichst viel Alkohol in die Denkblase zu schütten. Nun ist es mir ja herzlich egal, auf welche Art und Weise jemand seine Synapsen um die Ecke bringt, solange er mich nicht an den Auswüchsen seines Tuns teilhaben läßt. Letzteres tut aber der durchschnittliche Oktoberfestbesucher, wie man sich entweder live vor Ort oder in einer der zahlreichen TV-Reportagen überzeugen kann. Bzw. seit diesem Jahr nicht mehr kann, denn die Wiesnwirte haben qua Hausrecht Negativ-Berichterstattung untersagt.
So torkeln, pinkeln und grabschen sich jedes Jahr ganze Hundertschaften berauschter Drogenopfer quer durch das größte Dorf, Deutsche und Touristen, Teenies und Rentner, Lederbehoste oder ganz normale Irre. Rund um die Theresienwiese riecht es auch eine Woche nach Beendigung des Massendeliriums in allen Ecken nach Urin und Erbrochenem. Es sei denn, eine gnädige Regenfront spült das Elend vorfristig in die Kanalisation.
Spaß macht das Oktoberfest eigentlich nur Hardcore-Fans (von denen es allerdings eine Menge gibt) und Touristen. Letztere sind dabei beinah gezwungen, die Fun-Schraube bis zum Anschlag zu drehen. Schließlich haben nicht wenige von ihnen ein ganzes Jahr darauf gespart, um sich die weite Reise nach München und die erheblichen Kosten, die ein Wiesn-Besuch nun mal so mit sich bringt, überhaupt leisten zu können. Und jedes Jahr bezahlen ein paar von ihnen mit dem Leben, weil sie im Vollsuff vor die S-Bahn gelatscht oder in einem vermeintlich harmlosen Seitenarm der Isar ersoffen sind. Den Vogel hat in diesem Jahr ein Brite abgeschossen, der beim Aus-dem-Fenster-Pinkeln aus dem sechsten Stock seines Hotel gestürzt war und morgens tot mit heruntergelassener Hose im Hinterhof lag. Was für eine grotesk beschissene Art abzutreten, anders kann man das leider nicht ausdrücken.
Wiesn-Fans führen dazu immer ins Feld, daß das ganze ja ein "Volksfest" sei, daß man ja nicht trinken "müsse" usw.
Alles völliger Quatsch. Was am Anfang mal ein Pferderennen war, ist heute eines der größten Massenbesäufnisse der Welt, wenn nicht das größte. Sicher: Es gibt die Fahrgeschäftstraße, wo Besucher in diversen Höllenmaschinen die Belastbarkeit ihres Verdauungstrakts testen, unschuldige Plasteröhrchen erschießen und alberne Hüte kaufen können. Nur täuschen diese ganzen Attraktionen nichtdarüber hinweg, daß sich in erster Linie alles um die Vernichtung des extra für das Fest gebrauten, flüssigen Brotes dreht. Das beginnt mit dem sich jährlich im Vorfeld der Wiesn wiederholenden empörten Lamento über den gestiegenen Preis für eine Maß (für die volksfestrelevanten Preise für eine Runde auf dem Riesenrad interessiert sich kein Aas) und endet nach der Wiesn mit den lauthals hinausposaunten Rekordverkaufszahlen für Bier, Hendl und Brezn.
Und seien wir mal ehrlich: Die ganzen Italiener, Australier, Amerikaner und anderen Touris fahren und fliegen doch nicht Tausende Kilometer, um mal wieder richtig Kettenkarussell zu fahren, oder? Wie heißen die Wiesn im anglophonen Ausland doch gleich noch, "Bierfest"?
'Na, Michel, alter Miesmacher', werdet ihr jetzt sagen,'wenn doch alles so schrecklich ist, warum fahren dann jedes Jahr so viele Leute dorthin und haben auch noch Spaß dabei?'
Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Es muß wohl etwas Großartiges sein, den Daheimgebliebenen zu erzählen, daß man "auf der Wiesn" war. Dabeisein ist alles. Auch wenn man eigentlich nichts anderes gemacht hat, als sich für ein Heidengeld ins Koma zu saufen und anschließend die Nacht schnarchend in einem Buswartehäuschen verbracht hat, Arm in Arm mit einem Hafenarbeiter aus Palermo. Zumindest hat man zuhause etwas zu erzählen - wenn man sich traut und die peinlichen Geschichten erst auspackt, wenn die Kinder im Bett sind. Offenbar haben eine Menge Menschen Freude daran, sich und ihresgleichen beim Degenerieren zuzuschauen, denn anders sind die Verhältnisse in einem der riesigen Bierzelte nicht zu ertragen. Zum unterhalten ist es zu laut, zum tanzen zu eng, und auch die infantilen Wiesn-Hits mag man erst so richtig herzhaft mitgröhlen, wenn man sich schon ordentlich einen unter die Fontanelle gezwiebelt hat. Man hat nur eine Wahl: entweder man markiert den Spielverderber und verschwindet fluchtartig, oder man schnappt sich eine Maß Bier (auf's Wechselgeld verzichtet man besser gleich, sonst gibt's keine zweite), stellt sich auf den Tisch und brüllt der hackenstrammen Dirndlträgerin nebenan "Ein Prooosit, ein Pro-ho-sit..." in den Ausschnitt. Schüchterne Akademiker verwandeln sich unter Bierzelt-Bedingungen innerhalb von dreißig Minuten in grunzende Primaten, was unter anthropologischen Gesichtspunkten zumindest faszinierend mit anzuschauen ist. Haben muß ich es trotzdem nicht, der tatsächliche Unterhaltungswert ist dann doch eher fragwürdig.
Warum also pilgern trotzdem jedes Jahr Millionen von Leuten zum Oktoberfest?
Wegen der Fahrgeschäfte wohl kaum. Die sind zwar groß und mannigfaltig, stehen aber dieselben Schausteller auf einem stinknormalen Rummelplatz, sind ihre Geschäfte eher mau besucht.
Wegen des Biers? Das ist zwar stark und süffig, aber auch unverschämt teuer. Man könnte selbiges also ohne weiteres auch gemütlich im Biergarten genießen.
Wegen der weltberühmten "Gemütlichkeit"? Wer das behauptet, hat sich vermutlich noch nie mit 5000 schwitzenden, krakeelenden Zechern ein verqualmtes Bierzelt geteilt.
Wegen der enormen Verfügbarkeit äthylisch enthemmter Sexualpartner? Schon eher. Nichts dürfte jemanden, der sonst nie "eine(n) abkriegt", derartig elektrisieren wie die Entdeckung, daß es auf der Wiesn jede Menge paarungswillige Freudenspender(innen) gibt, die mit dem "Sich-jemanden-schön-saufen" schon mal angefangen haben, ohne daß man selbst dafür löhnen mußte. Obwohl es durchaus seine Schattenseiten hat, wenn der jeweilige One-Night-Stand während des Geschlechtsakts in die Yucca-Palme kotzt, nur weil ihm oder ihr von dem Herumgeruckel übel geworden ist. Und jeden Morgen neben einer neuen Vogelscheuche aufzuwachen verliert in nüchternem Zustand auch schnell seinen Reiz. Zumindest findet man so aber schnell einen Grund, um weiterzusaufen.
Vermutlich ist es ein bißchen von allem, was den Flair des Oktoberfestes ausmacht. Nix für den Michel. Mir reicht es schon, wenn ich wegen der dauernden Verspätungen zur Wiesnzeit jedes Mal eine U-Bahn früher nehmen muß, um pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen.
Sonntag, 4. Oktober 2009
Alles Gute nachträglich!
Was soll ich sagen: Schon wieder ist das wiedervereinigte Deutschland ein Jahr älter. Und ich hab's nicht mal gemerkt. Erst, als ich am Freitagnachmittag kurz was einkaufen wollte und im Supermarkt ein Andrang herrschte wie sonst nur vor den Weihnachtsfeiertagen, dämmerte mir, daß ja Nationalfeiertag ist. NATIONALFEIERTAG!
Wie kann man ein solch stolzes Ereignis nur derartig verpennen? Ich meine, wir reden hier schließlich von dem Feiertag der Deutschen. Darf man den eigentlich so einfach vergessen?
Natürlich darf man. Und das liegt nicht nur daran, daß wir unter einer Schwarz-Gelben Sparregierung vielleicht bis auf weiteres nicht mehr viel zu feiern haben werden. Es liegt auch daran, daß wir Deutschen uns immer reichlich unattraktive Jahreszeiten zum Feiern aussuchen. Wir hatten 1990/91 schließlich die Wahl, wir hätten uns einen besseren Termin zum Feiern aussuchen können als im feuchtkalten Herbst. Zwischen Fronleichnam Anfang Juni und dem Reformationstag am 31.10. liegt eine ewige Durststrecke ohne einen einzigen Feiertag, gemildert lediglich durch Maria Himmelfahrt am 15.08. (allerdings auch nur in 2 Bundesländern). Da hätten sich massig Gelegenheiten für einen schönen neuen Feiertag geboten, sogar für eine ganze Nationalfeier-Woche.
Warum also nicht mal ein schöner Termin mitten im Hochsommer? Mit Bar-B-Q, Badespaß und einer lauschigen Sommernacht?
Aber nein. Wär' vermutlich zu einfach gewesen.
Während andere Staaten der nördlichen Hemisphäre incl. unserer europäischen EU-Kollegen viel cleverer zu Wege gegangen sind und sich an ihren Nationalfeiertagen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen (manche Länder sogar zweimal, siehe Kroatien), kucken wir am 3.Oktober den Bäumen beim kahl werden zu und drehen schon mal die Heizung auf. Die rechte Feierstimmung stellt sich so nicht ein.
Aber mit Nationalfeiertagen hatten's die Deutschen noch nie so. Immer suchen wir uns Ereignisse aus, bei denen einem nach vielen Dingen zumute ist, nur nicht nach feiern. Unsere Feiertage rochen oft nach Pulverdampf, und wenn wir mal ein etwas weniger kriegerisches Datum gefunden hatten, war's damit nach ein paar Jahren wieder vorbei. (wer es nachlesen möchte, hier bei wikipedia.de)
Egal, zu welchem Anlaß und zu welcher Jahreszeit deutsche Nationalfeiertage nun gefeiert wurden: Feiern war und ist auf deutschem Boden ohnehin immer relativ. Statt Party, Punsch und Pflaumenkuchen hat es bei uns stets nur für Pathos, Panzer und Philister gereicht. Schlimmer noch: Das einzige, was bei Google Videos zum Thema "national holiday Germany" zu finden ist, ist weder eine Merkel-Rede noch ein Wettbewerb im Sauerkrautessen, auch kein Homevideo von auf der Mauer tanzenden Deutschen mit Puschelfrisuren und Stone-Wash-Jeans, sondern drei Konzertmitschnitte von Tokio Hotel.
Das ist mal richtig gruselig.
Wie kann man ein solch stolzes Ereignis nur derartig verpennen? Ich meine, wir reden hier schließlich von dem Feiertag der Deutschen. Darf man den eigentlich so einfach vergessen?
Natürlich darf man. Und das liegt nicht nur daran, daß wir unter einer Schwarz-Gelben Sparregierung vielleicht bis auf weiteres nicht mehr viel zu feiern haben werden. Es liegt auch daran, daß wir Deutschen uns immer reichlich unattraktive Jahreszeiten zum Feiern aussuchen. Wir hatten 1990/91 schließlich die Wahl, wir hätten uns einen besseren Termin zum Feiern aussuchen können als im feuchtkalten Herbst. Zwischen Fronleichnam Anfang Juni und dem Reformationstag am 31.10. liegt eine ewige Durststrecke ohne einen einzigen Feiertag, gemildert lediglich durch Maria Himmelfahrt am 15.08. (allerdings auch nur in 2 Bundesländern). Da hätten sich massig Gelegenheiten für einen schönen neuen Feiertag geboten, sogar für eine ganze Nationalfeier-Woche.
Warum also nicht mal ein schöner Termin mitten im Hochsommer? Mit Bar-B-Q, Badespaß und einer lauschigen Sommernacht?
Aber nein. Wär' vermutlich zu einfach gewesen.
Während andere Staaten der nördlichen Hemisphäre incl. unserer europäischen EU-Kollegen viel cleverer zu Wege gegangen sind und sich an ihren Nationalfeiertagen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen (manche Länder sogar zweimal, siehe Kroatien), kucken wir am 3.Oktober den Bäumen beim kahl werden zu und drehen schon mal die Heizung auf. Die rechte Feierstimmung stellt sich so nicht ein.
Aber mit Nationalfeiertagen hatten's die Deutschen noch nie so. Immer suchen wir uns Ereignisse aus, bei denen einem nach vielen Dingen zumute ist, nur nicht nach feiern. Unsere Feiertage rochen oft nach Pulverdampf, und wenn wir mal ein etwas weniger kriegerisches Datum gefunden hatten, war's damit nach ein paar Jahren wieder vorbei. (wer es nachlesen möchte, hier bei wikipedia.de)
Egal, zu welchem Anlaß und zu welcher Jahreszeit deutsche Nationalfeiertage nun gefeiert wurden: Feiern war und ist auf deutschem Boden ohnehin immer relativ. Statt Party, Punsch und Pflaumenkuchen hat es bei uns stets nur für Pathos, Panzer und Philister gereicht. Schlimmer noch: Das einzige, was bei Google Videos zum Thema "national holiday Germany" zu finden ist, ist weder eine Merkel-Rede noch ein Wettbewerb im Sauerkrautessen, auch kein Homevideo von auf der Mauer tanzenden Deutschen mit Puschelfrisuren und Stone-Wash-Jeans, sondern drei Konzertmitschnitte von Tokio Hotel.
Das ist mal richtig gruselig.
Donnerstag, 1. Oktober 2009
(Überdurchschnittlich) Bekloppte in München 6
In dieser an Knalltüten wirklich nicht gerade armen Stadt habe ich heute, so glaube ich, die Königin aller Vollidioten getroffen. Aber zu der komm' ich gleich noch.
Zunächst möchte ich gerne ein höfliches Wort an Münchens Stadt- und Verkehrsplaner richten. Zumindest an den unter ihnen, der die Kreuzung Einsteinstraße / Truderinger Straße zu verantworten hat.
Was hat Sie Holzhupe eigentlich geritten?
Die fragliche Ausfahrt führt - eher untypisch - wie bei einer Autobahnausfahrt in spitzem Winkel auf eine lauschige Nebenstraße, schon seit längerem Teststrecke diverser Feierabend-Bleifüße. Genau in diesem Winkel, auf den ersten Metern der Beschleunigungszone, liegt der verampelte Fußgängerüberweg. Nicht nur, daß der Übergang an dieser Stelle ohnehin schon denkbar ungünstig gelegen ist, Fußgänger sind auch gezwungen, ihn mit dem Rücken zum heranrasenden Verkehr zu überqueren. Mir stellt es jedesmal die Nackenhaare auf, wenn ich da rüber muß.
Und obwohl ich jedesmal aufpasse wie ein Epileptiker beim Domino Day, bin ich an dieser Stelle schon mindestens drei Mal dem Sensenmann vom Schippchen gehüpft.
Einen dieser Final-Destination-Momente hatte ich dann gerade heute morgen, als eine offensichtlich mental suboptimierte Büro-Schlampe -Schlunze mich mit ihrem BMW beinah in zwei Hälften gesägt hätte. Als ich sah, daß sie kurz darauf in einen Firmenparkplatz einbog, tat ich etwas für mich reichlich untypisches: Ich ging ihr nach. Ich habe eine gesunde Abneigung gegen öffentliche Szenen, diesmal aber war ich derartig sauer (und wohl auch ein wenig unter Schock), daß ich ihr zumindest ihren Terminator-Fahrstil nochmal unter die Nase reiben wollte.
Ich weiß zwar nicht genau, mit welcher Reaktion ich gerechnet hatte, vermutlich bestenfalls mit einem reuigen "Entschuldigung, hab Sie nicht gesehen" oder etwas ähnlichem. Stattdessen behauptete diese designerbebrillte Aktenfriseuse, ich hätte nur am Straßenrand herumgestanden. Als ich sie freundlich darauf aufmerksam machte, daß der Straßenrand nicht auf der Fahrbahnmitte verläuft und ich, wäre ich nicht stehengeblieben, jetzt eine Straßenpizza wäre, kommentierte sie dies ebenso lapidar wie rotzfrech. Nämlich mit der unverschämten Frage, ob ich denn keine anderen Probleme hätte. Sprach's, und schleppte ihren knochigen Tipsenarsch fluchtartig ins nächste Bürogebäude.
Passiert mir nicht oft, aber auf eine derartig kackfreche, besser gesagt: abgründig strunzdumme Ignoranz wußte ich echt nichts mehr zu sagen. Falls Sie dies lesen, Lady: JA, ich habe erstaunlicherweise ein Problem damit, wenn eine hohlköpfige Powerpoint-Turbozicke versucht, mich umzubringen.
Ich denke, ich laß' es an dieser Stelle gut sein, sonst werd' ich vielleicht noch beleidigend...
Zunächst möchte ich gerne ein höfliches Wort an Münchens Stadt- und Verkehrsplaner richten. Zumindest an den unter ihnen, der die Kreuzung Einsteinstraße / Truderinger Straße zu verantworten hat.
Was hat Sie Holzhupe eigentlich geritten?
Die fragliche Ausfahrt führt - eher untypisch - wie bei einer Autobahnausfahrt in spitzem Winkel auf eine lauschige Nebenstraße, schon seit längerem Teststrecke diverser Feierabend-Bleifüße. Genau in diesem Winkel, auf den ersten Metern der Beschleunigungszone, liegt der verampelte Fußgängerüberweg. Nicht nur, daß der Übergang an dieser Stelle ohnehin schon denkbar ungünstig gelegen ist, Fußgänger sind auch gezwungen, ihn mit dem Rücken zum heranrasenden Verkehr zu überqueren. Mir stellt es jedesmal die Nackenhaare auf, wenn ich da rüber muß.
Und obwohl ich jedesmal aufpasse wie ein Epileptiker beim Domino Day, bin ich an dieser Stelle schon mindestens drei Mal dem Sensenmann vom Schippchen gehüpft.
Einen dieser Final-Destination-Momente hatte ich dann gerade heute morgen, als eine offensichtlich mental suboptimierte Büro-
Ich weiß zwar nicht genau, mit welcher Reaktion ich gerechnet hatte, vermutlich bestenfalls mit einem reuigen "Entschuldigung, hab Sie nicht gesehen" oder etwas ähnlichem. Stattdessen behauptete diese designerbebrillte Aktenfriseuse, ich hätte nur am Straßenrand herumgestanden. Als ich sie freundlich darauf aufmerksam machte, daß der Straßenrand nicht auf der Fahrbahnmitte verläuft und ich, wäre ich nicht stehengeblieben, jetzt eine Straßenpizza wäre, kommentierte sie dies ebenso lapidar wie rotzfrech. Nämlich mit der unverschämten Frage, ob ich denn keine anderen Probleme hätte. Sprach's, und schleppte ihren knochigen Tipsenarsch fluchtartig ins nächste Bürogebäude.
Passiert mir nicht oft, aber auf eine derartig kackfreche, besser gesagt: abgründig strunzdumme Ignoranz wußte ich echt nichts mehr zu sagen. Falls Sie dies lesen, Lady: JA, ich habe erstaunlicherweise ein Problem damit, wenn eine hohlköpfige Powerpoint-Turbozicke versucht, mich umzubringen.
Ich denke, ich laß' es an dieser Stelle gut sein, sonst werd' ich vielleicht noch beleidigend...
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