Donnerstag, 6. August 2009

Mauergewinner...

1989-2009

20 Jahre Mauerfall, friedliche Revolution, Prager Botshaft, das Ende eines unwirklichen Landes in dem Leute meines Alters ihre Kindheit und Jugend verbracht haben....pooaah ist das lange her! Da wir momentan mit einer Flut an Dokumentationen, Büchern, Expertenmeinungen zum 20. Jahrestag überschwemmt werden, dachte ich mir Micha`s Blog darf da nicht fehlen und ....

...Material gäbe es ja zur Genüge, aber ich gebe ehrlich zu, ich habe bisher alle Bücher vermieden, die mir erzählen wollten wie es damals so war, wie schlimm oder wie kuschelig, egal. Nach Büchern mit Titeln wie "Die DDR...Fetziger als Taka-Tuka-Land" oder "TodesZONE...so wurde ich mit Goldbroilern im Blauhemd gequält" (doppelt aua) hatte ich irgendwie kein größeres Verlangen.

Aber leider konnte ich mich in den letzten Tagen einer Empfehlung des SPON (Spiegel online) nicht entziehen (vielleicht weil das abgedruckte Kapitel gleich Erinnerungen an die Kleingartensparte meiner Eltern wachrief...) :

"Mauergewinner" von Mark Scheppert, Jahrgang 71, erzählt in 30 kurzweiligen Episoden Begebenheiten aus seiner Kindheit und Jugend, die zufälligerweise im Osten von Bahlin, Hauptstadt der Deudschndemogradischnrebublig stattfanden. Dabei beschreibt er viele Anekdoten, die jedem irgendwie so oder so ähnlich passiert sein könnten. Sei es nun die Jagd nach Altpapier, um bei einem klebrigen Sero-Mitarbeiter ein paar Pfennige abzustauben, die Schikanen im GST Lager, bei denen man nichts von der Vorbereitung auf den "Ehrendienst in der NVA" bemerkt hat oder die Jugendweihe als Aufnahme in die Reihen der "Erwachsenen", die sich bei vielen dadurch definierte, dass man das erste Mal so richtig Torte gemischt mit Nordhäuser Doppelkorn im hohen Bogen auf dem Kinderspielplatz verteilen durfte.

Die Geschichten sind knackig mit viel Witz im Detail beschrieben ohne, dass man das Gefühl hätte der Autor müsste sich die ganze Zeit die Tränen aus den Augen wischen, weil alles so schön ostalgisch war. Manche Geschichten sind herrlich naiv andere wieder erfrischend offen. Gerade die Geschichten über den eigenen Opportunismus gegen das System, empfand ich als überraschend ehrlich. Wer kennt nicht diese Gefühl der Wut über die eigene Ohnmacht...? Schön, dass der Autor da kein Held war. Die großen Helden, die angeblich immer offen gegen alles waren, sind das meist heute auch noch...

Also liebe Freunde deren Geburtsjahr am Beginn der 70iger Jahre liegt und die in der DDR aufgewachsen sind, ihr werdet hier viele bekannte Dinge wiederfinden. Vielleicht erinnert ihr euch auch an ein paar Sachen, die ihr schon vergessen hattet. So ging es mir zumindest...
Aber auch für die Leute, die jenseits des Taka-Tuka-Schutzwalls geboren sind, finden sich interessante Geschichten über ein paar unbedeutende, alltägliche Dinge in dem Land hinter der Mauer...und vielleicht ein paar Erkenntnisse über die heimatlosen Wossis...

Alles in allem ein schönes Buch über die eigenen Erinnerungen von jemandem der nach 20 Jahren endlich angekommen ist...schade, dass ich es selbst nicht geschrieben habe...

"Springinkel"-Ed


PS: Lieber Mark Scheppert (für den Fall, dass du das hier liest) ein schönes Buch hast du geschrieben, aber ein Fehler bei der Fahrt zum Balaton mit eurem Trabi ist mir aufgefallen. Glaub es oder nicht ich hatte 4 Trabis (als Student, lange nach der Wende, sind alle an Altersschwäche gestorben), aber der Trabi hat gar kein Kühlwasser und als Zweitakter auch nur Öl im Getriebe, nix was man prüfen könnte...aber das wüßte ich vermutlich auch nicht, wenn ich mit dem Trabi meines alten Herrn den Zaun meines Gartennachbarn zerschreddert hätte und erst nach der Wende wieder ein Auto hätte besteigen dürfen ;-)

(Sorry hab das zweimal gepostet, bitte das im Juli löschen...)

Kommentare:

der Michel hat gesagt…

Hi Ede,
da bekommt man echt Lust, sich das Buch zuzulegen. Du bist nicht zufällig mit dem Autor verwandt oder verschwägert?
Obwohl man ja aufgrund der Trabi-Unstimmigkeit mutmaßen könnte, daß da ein geschäftstüchtiger Westautor einfach bei ein paar PDS-Ortsgruppen die ostalgischen Stammtischplaudereien mitstenographiert hat...
Doppel-Post ist gelöscht, die Option müßtest du als Autor aber theoretisch auch haben... oder?

Ede hat gesagt…

Ist leider mit 14,90 nicht richtig preiswert und der Einband ist Gülle, sprich es leiert ganz schnell aus, aber die Texte sind es wirklich wert. Auch wenn man an manchen Stellen merkt, dass es sein erstes Buch ist. Aber das stört nicht. Zumal ich immer beim lesen dieses "ja genau...so wars" hatte. Ich glaube was das Buch so authentisch (zumindest für mich) macht, ist das er was beschreibt, das wir ja fast genauso erlebt haben. Da er nur 1-2 Jahre älter ist als wir, sind seine gesammelten Eindrücke auch im zeitlichen Kontext fast identisch mit unseren...wie gesagt über so ein Buch hatte ich auch schon nachgedacht, aber ich hatte immer Angst ins pathetische abzugleiten oder in diese dämliche "ich will Erich zurück" Ecke gedrängt zu werden..und jetzt mal ehrlich wer will den wieder ausgraben ;-)
Aber es ist eine schöne Sammlung von persönlichen Erinnerungen, die natürlich etwas überspitzt dargestellt sind. Ich kann mir bei ein paar Dingen nicht vorstellen, dass sie wirklich so abgelaufen sind oder aber in der Provence waren die Jugendlichen deutlich zahmer als in der Haupstadt...
Besonders schön fand ich seine finale Einschätzung von sich und von seinem Leben und seinem Verhältnis zu seiner eigenen Vergangenheit...ich hätte es nicht besser ausdrücken können...

Wenn das jemand aus der PDS-Ortsgruppe geschrieben hätte, wer vermutlich ein anderes Buch rausgekommen. du weißt schon "Taka-Tuka-Land...Herr Nielson und ich am antifaschistischen Schutzwall". Dann wäre auch wohl Sahra Wagenknecht die Autorin ;-)

Ob ich das Doppelpost hätte löschen können? keine Ahnung wie?

Ach ja und klar ich krieg immer 5 % von jeder Buchempfehlung, willkommen im Kapitalismus...viele Grüße nach MUC

Scheppert hat gesagt…

Hi Ede,

hab´s tatsächlich gelesen. Nicht das Buch (doch das auch), sondern Deine interessanten Zeilen zu meinem "Mauergewinner". Hast es ja scheinbar nicht gleich vor Wut in die Ecke geworfen.

Mmhh, dass mit dem Trabi war bisher noch niemandem aufgefallen, aber ich bin ja auch kein Atom-Physiker.
Wird auf jeden Fall (wie ein paar kleinere andere Dinge)in der 2. Auflage geändert, falls es mal eine geben sollte.

Danke & schöne Grüße aus Berlin
Mark

Ede hat gesagt…

na da bin ich jetzt aber wirklich baff...hätte ja nie gedacht, dass jemand wirklich das Zeug von mir liest.

Ich bin mir sicher, dass es eine zweite Auflage geben wird...und wenn ich mit der Trabigeschichte erwähnt werde, kauf ich mir das Buch auch nochmal ;-) nein, ich finde es klasse dass Mark den Weg zu Michels Blog gefunden hat...das mit dem Trabi muss man auch nicht wissen und in ein paar Jahren fällt das sowieso niemandem mehr auf.
Viel Glück für die weitere Arbeit...

Bleibt die Frage über wen ich jetzt schreiben soll, der sich dann meldet...haben Scarlett Johanson oder Selma Hayek in letzter Zeit ein Buch geschrieben...? Schaumermal! ;-))

Scheppert hat gesagt…

Gute Sachen und Blogs werden eben auch von hochbegabten Autoren - und mir - gelesen.
Schreib doch mal was über Amy Winehouse, da mich interesieren würde, wie sie Deine Seite findet.

Schönes Wochenende
Mark S.

P.S. Klar schaut dann ein "Ede" in der zweiten Auflage unter die Motorhaube des Trabis.

Ede hat gesagt…

oh danke für das Lob, aber ich glaube der Michel schreibt hier die wirklich guten Sachen, ich bin da ehr begeisterter Laie ...

Amy Whinehouse ...ernsthaft keine Ahnung ob ich möchte, dass die sich hier meldet...geile Stimme, aber irgendwie nicht meine Mucke, außerdem weiß ich nicht ob ich genug Drogennamen aufzählen kann, die sie dann auf diese Seite locken würden ;-)

Wenn übrigens ein Ede mitspielt dann verschenke ich dein Buch auch ein paar mal und gebe auf jeder Party damit an, dass ich in einem Buch vorkomme...die meisten würden dann zwar vermuten, dass ich zu oft mit Amy geschnackt hätte, aber ich weiss es besser ... ;-)

Wenn du zufällig mal zu ner Lesung in HAL oder MUC bist, meld dich mal hier, würde mir den Mauergewinner auch mal live ansehen...
Schönes WE und viele Grüße in die Hauptstadt...
Ede

der Michel hat gesagt…

Bei so viel Lobhudelei muß ich glatt meine Siesta unterbrechen. Also vielen Dank für die Blumen allerseits!

Obwohl ich annehme, daß angesichts der Thematik eine Lesereise viel eher mal nach Halle(Saale) führen wird denn nach München, schließ ich mich Edes Bitte/Einladung mal vorsichtig optimistisch an. Einen "Austragungsort" hätte ich auch schon: Möbelhaus Höffner. Die dort arbeitenden Neubayern mit unüberhörbar sächsischem Migrationshintergrund wären sicher (für's erste) ein dankbares Publikum :-)

Das Thema Amy ist übrigens noch nicht durch...
Gruß,
der Michel

Scheppert hat gesagt…

Richtig Ede & Michel: Halle an der Saale ist eher im Bereich des Möglichen, zumal da auch ein Kumpel von mir (im Buch der Otmar) im Thalia-Theater arbeitet. Vielleicht kann der mal was organisieren.

München - nun ja - auch mein Cousin aus Zwickau hat sich dort ja eingenistet, müsste den Kontakt mal wieder aktivieren.

Bis die Tage
Gruß M.S.